PALERMO, SIZILIEN (REISEBERICHT)

Entertainments / 08/22/2016

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SCHMALE JUNGS, GROßE FRAUEN, SCHOKOLADE UND MÜLL

Palermo, das ist das schöne Gefühl, dass hier niemand auf dich gewartet hat. Filme im Original sehen und echt indisch kochen ist nichts verglichen mit der Authenzität in einer Stadt Urlaub zu machen, der Du völlig egal bist. Schon die Flughafenhomepage stellt das klar. Dort steht, dass Palermo nicht zu jenen Städten Italiens gehört, die man als Besucher unbedingt gesehen haben muss.
Dass man mitten in Europa Urlaub machen kann an einem Ort, der weniger auf dich vorbereitet ist als das kleinste Dorf im thailändischen Dschungel ist unerwartet und beruhigend.
Hier laufen die Dinge sizilianisch und das ist eher organisch und gewachsen und kommt wie es kommt und kommt es nicht kommt was anderes. Es gibt keine Touristeninformation, alles ist auf Italienisch und deutsche Regelmäßigkeiten wie die Straßenverkehrsordnung oder der Busfahrplan existieren de facto nicht. Wie das hier funktioniert? Man kann es als Besucher nicht wissen, denn es ist sohl eine Art vererbtes Wissen, von Generation zu Generation weiter gegeben, wie Omas Pastarezept.

 

Verkehr

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Don’t talk to the bus driver – he’s on the phone.

Im kleinen Auto fahren hier Mama und Papa mit ihren beiden kleinen Kindern, alle auf den Vordersitzen, niemand angeschnallt. Auf der Vespa sitzen zwei Freunde mit einem Hund in der Mitte. Helmpflicht? Scheint vom Wetter abhängig. Und der Bus? Mama mia! Zwar gibt es Fahrplan und Haltestellen, aber beides hat eher symbolischen Charakter: Ja, es gibt Busse, ja die halten auch mal. Wann und wo? Nur ein deutscher Pedant fragt danach. Am Strand von Mondello warteten wir eine Stunde auf den Bus, der alle zwanzig Minuten hätte kommen sollen. Vom Strand in Vergine Maria waren es vierzig Minuten. Immerhin. Von der Innenstadt zurück in unser BnB? Nach einer Stunde gingen wir dann doch zu Fuß, eine Stunde lang, ohne dass uns ein Bus überholt hätte. All das braucht starke Nerven, denn es ist heiß in Palermo und Schatten ist rar. Umso größer aber die Freude, wenn dann doch ein Bus kommt!
Im Bus selbst wird schnell klar, dass die Priorität des Fahrers nicht sein Fahrplan sein kann. Er telefoniert oder er raucht oder beides. So wie die Fahrgäste auch. Ein halbstarker Junge kramte auf dem Weg zum Strand eine Zigarette aus – und eine Frau im Bus gab ihm Feuer. Wie sagt man „live and let live“ auf Italienisch?

So individuell der sizilianische Verkehr auch ist, es herrscht doch eine gewisse Ordnung. Egal wo man über die Straße geht, ob die Ampel rot ist oder grün, die Autos halten an. Wieso kann man in Süditalien sicher die Straße überqueren? Es bleibt mir ein Rätsel. Und es wird kaum gehupt. Das ist in Neapel, ja selbst in Paris völlig anders. Vermutlich sind die Hupen von der Hitze genauso geschafft, wie wir. Aber wer ist auch so verrückt, ausgerechnet im August nach Palermo zu fahren?

 

Strand

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Der Autor beim Versuch, dazu zu gehören.

Genau so ruhig wie in den Straßen ists am Strand. Kein Vergleich zu deutschen Strände, wo immerzu die Kinder schreien oder gar den Stränden auf Ibiza und Mallorca, wo die Bars permanent beschallen und nur von den Getthoblastern der Berufsjugendlichen übertönt werden. An den Stränden geht es so ruhig und diszipliniert zu, wie in der Abwehr von Juventus. Dabei ist im August wirklich jeder am Strand. Wie sizilianische Sardinen liegen wir auf Sizilien und können tatsächlich das Meer hören!
Um uns herum spricht alles Italienisch und ist braun gebrannt wie heiße Maronen. Wir hingegen: Auf unseren weißen Laken in weißem Bikini und weißer Badehose und mit kreideweißer Haut, wir strahlten dermaßen hell, dass man uns wohl aus dem All hätte sehen können.
Von den Einheimischen aber kein Stirnrunzeln oder Fingerzeigen in unsere Richtung. Ob aus Gleichgültigkeit oder Freundlichkeit ist schwer zu sagen, aber wir fühlten uns willkommen.
Und wie es sich für Touristen gehört, war es also an uns mit der Stirn zu runzeln und den imaginären Fingern zu zeigen. Auf die sizilianischen Frauen.

 

Die Menschen

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Schmale Jungs und große Frauen – libertà sempre!

Was auch immer man so liest von der mediteranen Küche, dass sie so gesund sei und schlank mache, in Palermo gilt das nicht. Nun sind, was meinen persönlichen Geschmack betrifft, die Sizilianer, wenn man eine solch grobe Verallgemeinerung, also solch einen groben Unfug überhaupt machen darf, eh nicht so mein Ding. Diese langen Gesichter mit den langen Nasen und langen Zähnen – it’s an aquired taste, I assume. Die Frauen aber am Strand, im Bus, in der Stadt… Als ich Anfang der 90er in Prag war, fiel mir auf, dass die Tschechinnen, altersunabhängig, fantastische Beine hatten. Die Frauen aus Palermo befinden sich am anderen Ende dieser Skala. Spätestens unterhalb des Bauchnabels beginnt das Drama eines ausgedehnten hügeligen Panoramas. Ein fleischiges Auf und Ab, mehr Wellen als das Mittelmeer und mehr Fläche als der italienische Stiefel. Beides umher getragen mit einer Grandezza, die sich selbst die schlankeste Mitteleuropäerin nicht traut. Magnifico! Wirklich bewundernswert, diese Liebe zu sich selbst und seinem Körper. Umso mehr, wo wir uns doch so oft selbst geißeln, weil wir uns einfach nicht schön genug fühlen. In Deutschland sehen die Mädchen und Frauen oft aus wie ihre Mütter in jung. Hier sehen sie aus wie ihre Mütter.

Dabei geben die Männer ein ganz anderes Bild ab. Wohlwollend geschätzt sind 2/3 der Italinerinnen hier arg voluminös. Etwa die Hälfte der Männer aber ist trainiert, definiert, gestriegelt und geschniegelt wie der Mann Aurelio. Das gibt dann meist recht interessante Paarungen ab am Strand von Mondello. Spargellanger Hansel, nudeldicke Dirn.

Kein Wunder, dass diese Männer im Ausland alles anflirten, was zwei Beine hat, möchte man denken. Mit welcher Penetranz und Schamlosigkeit meine Freundin hier angeguckt und im Vorbeifahren angehupt wurde, kannte ich bisher nur aus dem arabischen Raum. Aber das wäre eine einseitige und anmaßende Interpretation, den italienischen Machismo so schnell und oberflächlich zu erklären. Ich muss aufpassen, nicht allzu sehr einen typischen Touristen abzugeben: Von nichts eine Ahnung, zu allem eine Meinung.

Ein wenig ist die ungleichmäßige Verteilung der Pfunde hier so, als würden die Männer hier die Rechnung bezahlen für die Jahrtausende der Unterdrückung der Frauen. Waren es nicht immer die fetten Männer, die bräsig und verwarzt die Frauen zwangen, immer jung und adrett zu bleiben? Ist es hier vielleicht einfach umgedreht und die Männer müssen sich anstrengen, um eine der Sizilianerinnen erobern zu können?
All dies ist fremd für uns als Besucher. Hier aber völlig normal. Niemand hier hat auf mich und meine Schönheitsideale gewartet. Ich darf mich wundern und dies Leben hier bewundern.

Natürlich frage ich mich, wenn ich das so schreibe, ob ich mich des Body Shaming schuldig mache, ob ich arrogant, vermessen, beleidigend bin, wenn ich von der Fülle der Sizilianerinnen schreibe. Aber diese scheinen sich nicht im Geringsten für ihre Körper zu schämen. Warum sollten sie auch? Und geht es nicht letztlich genau hierum, beim Reisen? Darum Unterschiede zu erkennen ohne zu urteilen? Ich mag Currywurst lieber als Scampi. Deswegen sind Scampi ja nicht scheiße. Sie sind einfach nur nicht mein Geschmack. Und wenn es in Berlin mehr Currywurst und in Italien mehr Scampi gibt, dann ist das ein kultureller Unterschied und eben eine traditionell vererbte Geschmackssache. Das eine ist nicht besser als das andere, aber eben doch anders und hier, in Palermo, ist einiges für mich neu und ungewohnt. Warum also sollte ich verurteilen? Zumal die Palermi (heißen die so?) angenehme und freundliche Menschen sind, denen ich nichts übel nehmen kann oder will.

Vor allem bei den Älteren braucht es nur ein Lächeln und man kommt ins Gespräch. Die Oma am Bus erzählte mir, dass sie vor Kurzem in Franken war. Der Opa im Bus gab uns den Rat, gut vor Taschendieben aufzupassen. Und der Junge im Meer sagte lachend „I speak deutsch“. Mein Italienisch ist rudimentär wie das Colloseum in Rom, aber die Italiener hier machten es mir leicht, ja so leicht, dass es selbst mir als eingeschworenem Introvertierten richtig Spaß machte, zu reden.

Das versuchte ich auch mit Andrea, dem Beitzer unseres Bed and Breakfast, denn auch ihm wollte ich zeigen, dass ich Italienisch spreche, obwohl ichs gar nicht kann. Aber er wollte lieber zeigen, dass er Englisch spricht, obwohl ers gar nicht kann. Ab dem zweiten Tag nickten wir uns also nur noch höflich zu und redeten nicht mehr. (Die Rechnung mussten wir ihm übrigens bei Ankunft zahlen, in bar. Er hatte vermutlich ein Angebot erhalten, dass er nicht ablehnen konnte.)

Wenn die Sizilianer sich nicht gerade vor der Hitze in den Häusern verstecken, fahren sie Vespa, rauchen und telefonieren. Würde der Rest der Welt keine Handys mehr benutzen, nicht mehr rauchen und nicht mehr Moped fahren, die Branchen könnten allein dank der Sizilianer überleben. Ich habe einen Vespa Fahrer gesehen, der rauchte und sein Handy zwischen Kopf und Helm geklemmt hatte, um in Ruhe telefonieren zu können. Here you go, German efficiency!
Die Alten sitzen hier, wie wohl seit Jahrhunderten, auf Stühlen in den Gassen vor ihren Häusern, schauen sich um, plaudern mit den Nachbarn oder telefonieren eben.

 

Stadt und Straßen

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Frische Fische, Müll und Meer.

Überhaupt die Straßen! Palermo kokettiert ja selbst damit: Ihre Straßen und Gassen sind Müllhalden. Tote Tauben und Fledermäuse, Hundescheiße und Hundepisse und Menschenpisse und Müll jeder Art, es fehlt an nichts. An jeder Ecke vermischt sich ein anderer Gestank mit dem Geruch der Lebensmittelstände. Frisches Obst, frischer Fisch, Gewürze und sizilianisches Fastfood verkaufen die Männer (und nur die Männer) morgens und spätnachmittags überall in der Stadt und vor allem auf den vielen Street Food Markets der Altstadt.

Die Häuser sind alt und dreckig, die Fensterläden geschlossen wegen der Hitze und von den Balkonen baumelt die Wäsche. Es kann gar nicht anders sein: So muss es schon im Mittelalter ausgesehen haben. Es ist wunderbar! Nimm irgendeine dieser Straßen und pflanze sie in irgend eine Ecke von Berlin und die AfD gewinnt 10% dazu. Und es wäre völlig idiotisch. Die Menschen haben hier schlicht andere, wichtigere Dinge zu tun als aufzuräumen und sich kaputt zu schaffen. Zum Beispiel nichts tun. Oder rauchen und telefonieren und Vespa fahren.

 

Essen

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Schwarzer Afrikaner und schwarzer caffè.

Oder essen. Sizilien ist eine Insel mit einer ganzen Reihe von Spezialitäten. Einige davon haben wir auf einem Straßenmarkt probiert. Und ich habe in meinem Leben noch nie etwas so Widerliches gegessen.   „Pane con la milza“ ist ein Brötchen gefüllt mit Fleischstreifen. Das Fleisch ist ölig, zäh wie Kaugummi und schmeckt so widerlich, dass ich das Gefühl hatte, Menschenfleisch zu essen. Noch am nächsten Tag musste ich aufstoßen und hatte den ekelhaften Geschmack im Mund. Sie verkaufen das an jeder Ecke. Ich muss annehmen, dass ihnen das schmeckt. Wow! Außerdem hatten wir Gemüse in Öl und Scampi und am Ende 20€ bezahlt für ein unvergessliches Erlebnis. (Erst zurück daheim habe ich gegoogelt, was ich auch so hätte ahnen können: „pane con la milza“ ist ein Brot mit Milz – igitt!)

Ganz anders die süßen Sachen! Es gibt Teigrollen prall gefüllt und überzogen mit schwarzer Schokolade und garniert mit Pistaziensplittern. Das Teil sieht aus wie ein schwarzer Staffelstab und heißt, ein wenig rassistisch, Africano. Ähnlich sind die mit weißer Sahne, die wie Icing aussieht und schmeckt, gefüllte Rollen. Ein Traum! Oder Schokocroissants mit mehr Schokolade als in ein Nutellaglas passt. Dazu der beste Espresso der Welt aus heißen Tassen. Nicht zu sprechen von all den anderen süßen Perversitäten, die ich nicht probiert habe. Das inmitten dem Dreck und dem Leben, der Hitze und dem Verkehr von Palermo und garniert mit einer Zigarette, das sind die Zutaten für einen perfekten Moment.

 

Für wen lohnt sich Palermo?

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Palermo ist eine Stadt, die gar nicht erst versucht, seine Gegensätze zu verbergen. Im Gegenteil, man ist stolz darauf. Die Straßen sind dreckig und der Verkehr chaotisch. Aber der Strand ist ruhig und die Menschen freundlich. Die Frauen sind dick und die Männer sind dünn, das Essen zwischen himmelhochjauchzend und Magen auspumpen. Man ist nicht auf dich vorbereitet, aber wenn du schon  mal da bist, ist das auch ok.
Palermo hält man nur aus, wenn man Unterschiede aushalten kann. Palermo ist nur zu ertragen, wenn man bereit ist zu akzeptieren, dass die Sizilianer lieber verwesen, als am deutschen Wesen zu genesen. Palermo ist nach Eigenaussage die nördlichste Stadt Afrikas. Ein Ort für romantische Abenteurer, die wissen wollen, wie die Welt vor 150 Jahren war. Wer seinen mitteleuropäischen Luxus im Urlaub braucht, ist auf Mallorca besser aufgehoben. Wer sich das nicht leisten kann und will, der sollte in Palermo einen Afrikaner essen und einen Espresso trinken.


In Paris war ich übrigens auch und hab was drüber geschrieben. Wer mag, klickt hier.

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Paris, Frankreich (Reisebericht)

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