HIER IST DER SINN DES LEBENS

Edukation / 08/01/2016


Ich werde in den nächsten Zeilen (sowie in den elf Minuten des obigen Videos)  den Sinn des Lebens verraten.
Das klingt jetzt erst einmal nach einer ziemlich großen und tollen Sache. Aber Spoiler Alert: Die ganze Sache ist so ernüchternd, dass es vernünftig wäre, sich vorher zu betrinken.

Wenn wir nach etwas suchen, müssen wir wissen, wo wir es finden können. Wenn wir den Sinn des Lebens suchen, also den Sinn für alle Menschen, dann gibt es zwei Möglichkeiten: Wir finden ihn entweder im Menschen drin. Der Sinn des Menschen lässt sich also irgendwo in uns selber finden, und das bei allen Menschen. Oder aber der Sinn des Lebens liegt außerhalb. Und wir versuchen zum Sinn hin zu kommen oder er versucht zu uns und in uns zu kommen.

 

Der Sinn des Lebens kann nicht außerhalb des Menschen liegen.

Diese letzte Variante, der Sinn ist etwas Externes, das ist der Bereich der Spiritualität und Religion. Wir sagen: Hier ist der Mensch, aber da gibt es noch etwas anderes, etwas Größeres. Es gibt etwas, das uns erschaffen hat und einen Grund, einen Sinn dafür hatte. Oder es gibt etwas oder jemanden, der alles mehr oder weniger leitet. Oder es gibt etwas, das, da wir nun warum auch immer auf der Welt sind eine größere Bedeutung, einen größeren Sinn hat oder weiß als wir. Wenn man so denkt,dann kann der  Sinn des Lebens sein, religiös zu leben, was auch immer das dann im Detail bedeutet.

 

Aber das glaube ich nicht. Hier ist der Grund!

 

Unser menschliches Gehirn funktioniert so, dass es immerzu, permanent versucht zu verstehen. Wir sehen etwas, hören etwas, riechen etwas, fühlen etwas und unser Gehirn verarbeitet das. Meist ohne dass wir das mitbekommen. Der erste Arbeitsschritt ist: Wichtig oder unwichtig. Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen. Der zweite Arbeitsschritt: Wenn es wichtig ist, was ist es? Was kann es? Warum ist es? Und so weiter. Das ist dann, meist aber nicht immer, ein bewusster Prozess. Wir alle tun das, weil wir dank der Evolution alle die gleichen Gehirne haben. Der Mensch ist so gebaut, dass er automatisch versucht zu verstehen. Da ist ein Löwe? Der Löwe beißt mich? gefährlich! Da ist ein Stock? Was kann ich damit machen? Ah, den Löwen tot schlagen. Guter Stock!

 

Wir fragen permanent nach dem Sinn und versuchen, logische Verbindungenzwischen den Dingen herzustellen. Und wir sind ziemlich gut darin. Das Problem ist: Wenn es um uns selbst geht, sind wir gar nicht mehr so gut. Es ist uns bis heute nicht gelungen nachzuweisen, warum es den ganzen Quatsch überhaupt gibt, wo das alles her kommt, wo das alles hin soll, der Mensch, die Erde, die ganze Welt. Und genau damit hat unser Gehirn ein großes Problem. Unser Gehirn mag keine unbeantworteten Fragen. Wir mögen keine Lücken im System. Und deshalb macht das Gehirn etwas, ohne uns zu fragen: Es füllt die Lücken!
(Zu diesen und anderen Funktionsweisen unseres Gehirns, siehe Kahnemans Buch.)

 

Ein Beispiel aus der Praxis. Es gab einen Mord und Zeugen werden befragt. Immer und immer wieder machen Zeugen nun Aussagen und behaupten Dinge gesehen zu haben, die sie nicht gesehen haben können! Sie glauben zum Beispiel ganz ganz sicher gesehen zu haben, wer geschossen hat, selbst wenn es dafür viel zu dunkel war. Sie glauben das, weil sie von ihrem eigenen Gehirn ausgetrickst werden. Das Gehirn füllt die Lücken unserer Erkenntnis. Einfach so. Besser eine falsche Lösung als gar keine.
(Scott Fraser spricht hier sehr eindrucksvoll über dieses Phänomem.)

Und so entstehen Religionen. Unser natürliches Bestreben nach Antworten ist so groß, dass wir dort, wo wir keine Antworten finden, einfach eine erfinden. Egal ob bewusst oder unbewusst. Religion ist nicht Wissen, sondern Glauben und unser Glauben ist das, womit wir unser Wissenslücken füllen.

(Eine ähnliche These zur Entstehung der Religion vertritt dieser Artikel hier, den ich lustiger Weise erst nach meinem Artikel fand.)

 

Der Sinn des Lebens muss im Menschen selbst zu finden sein.

Eine Suche nach dem Sinn des Lebens außerhalb des Menschen also, beispielsweise im Glauben, wäre unvernünftig. Also muss der Sinn des Lebens in uns selbst liegen. Wenn wir also den Menschen verstehen, dann wissen wir um seinen Sinn.

 

Ich versuche das an einer Metapher zu erklären.
Den Sinn außerhalb des Menschen zu suchen bedeutet, sich ein Buch zu nehmen, einen Roman, und sich dann fragen, was der Autor damit gemeint hat. Wir sind das Buch, der Autor ist Gott, aber den haben wir uns nur ausgedacht.

Den Sinn innerhalb des Menschen suchen heißt, sich ein Auto anzuschauen, wie es gebaut ist, was es kann und tut. Dann merken wir: Ein Auto wurde gebaut um zu fahren, von A nach B. Also ist der Sinn des Autos zu fahren. So einfach.

 

Wie ist also der Mensch gebaut?
Was den Menschen von allen anderen Lebewesen am deutlichsten unterscheidet ist sein Gehirn. Das Gehirn, so wie wir alle es noch heute haben, hat sich vor etwa 200.000 Jahren entwickelt. Seitdem ist die Evolution des Menschen im Grunde abgeschlossen. Wir haben alle noch den gleichen Bauplan wie die Menschen vor 200.000 Jahren. Damals veränderte sich vor allem ein Bereich in unserem Hirn: Der präfrontale Kortex. Der ist irre gewachsen. Und konnte krasse Dinge, die sonst niemand kann.
Unter anderem eben wie beschrieben die permanente Kategorisierung der Welt, der permanente Versuch, die Dinge zu verstehen. Oder auch die Fähigkeit, sich Dinge vorzustellen. Ich weiß, dass es weh tun wird, wenn der Löwe mich beißt, ohne dass ich dafür von ihm gebissen worden sein muss.
(Dies und andere Tricks unseres Gehirns zeigt Dan Gilbert auf.)
Unser Gehirn ist seit 200.000 Jahren entscheidend dafür verantwortlich, dass die menschliche Spezies aktuell erfolgreicher ist als jede andere Lebensform auf dem Planeten. Die gesamte Zivilisation beruht auf den Fähigkeiten unseres Gehirns. Wegen der Art und Weise wie es arbeitet, wie es Probleme erkennen und lösen kann, wie es Gefahren aus dem Weg gehen kann, wie es auf die Umwelt reagieren kann lebt der Mensch noch immer und hat er alle Naturkatastrophen überlebt, alle Dürren und Eiszeiten, alle Angriffe von Tieren oder Blitz und Donner.

 

Die gesamte menschliche Biologie führt logisch zu diesem Sinn des Lebens:

Und hier ist jetzt endlich der Sinn des Lebens!
Der Mensch, der heute noch der Gleiche ist wie vor 200.000 Jahren, lebt heute noch immer, wegen der Art und Weise, wie sein Gehirn arbeitet. Die Aufgabe des Gehirns ist es dafür zu sorgen, dass der einzelne Mensch an sich und zudem die Menschheit als Ganzes lebt und überlebt. Der Sinn des Menschen und somit der Sinn des Lebens ist es also zu leben und zu überleben. Unsere ganze Existenz erfüllt nur diesen einzgen Zweck.

Mehr ist da nicht. Keine Hölle und kein Paradies. Nicht Liebe oder Wissen oder Macht oder Reichtum. All diese Dinge gibt es nur, weil wir Menschen sie erfunden haben. Und wir haben all dies nur erfunden, um einem einzigen Zweck zu dienen: Zu leben und zu überleben.

 

Neurowissenschaften, Evolution und Geschichte stützen diese philosophische These.

Und wir können täglich sehen, dass das stimmt. Nicht nur wie bis hierhin beschrieben erklärt durch Neurowissenschaften, Evolution und Philosophie. Auch die menschliche Historie lässt erkennen, dass die These stimmt:

Warum leben die Inuit seit Generationen in der Arktis? Da ist es schweine kalt, die Hälfte des Jahres ist es dunkel und Robbenjagd ist auch nicht jedermanns Sache. Aber sie wollen leben. Sie wollen überleben. Punkt.
Was ist mit dem Kindern in Syrien, deren Eltern getötet wurden, die selber verkrüppelt sind, deren ganze Stadt in Trümmern liegt und für die es keine Hoffnung gibt? Warum bringen die sich nicht um? Warum wollen sie trotzdem leben? Weil sie müssen. Sie sind so gebaut.

Das ist alles sehr ernüchternd. Aber auch sehr befreiend. Es gibt auf einmal keinen Druck mehr. Es gibt keine Erwartungshaltung mehr. Keine Enttäuschung. Solange wir leben und überleben ist alles ok. Ich weiß das ist radikal. Ich weiß das ist unangenehm. Ich weiß das ist vielleicht auch gefährlich. Aber ich,bin überzeugt, dass es dennoch die Wahrheit ist:


Der Sinn des Lebens ist es zu leben und zu überleben, als Mensch und als Spezies.

 


Ich weiß, Ihr denkt vielleicht, ich spiele mich auf mit meinem Versuch, diese Frage zu beantworten. Aber das ist nicht mein Ziel. Vielmehr habe ich lange gebraucht und viel Mut aufgebracht, dieses Video zu veröffentlichen. Ich weiß, dass persönliche und positive Beiträge mehr Klicks bringen und mich auch weniger angreifbar machen. Na und? Soll ich mein Verhalten einschränken aus Angst, von anderen beurteilt zu werden? Und dennoch würde ich mich sehr freuen, wenn Ihr eine Meinung zu diesem Post habt. Habe ich Euch demotiviert? Genervt? Oder habe ich da etwas falsch verstanden? Lasst es mich wissen. Gerne hier.


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