PARIS, FRANKREICH (REISEBERICHT)

Entertainments / 06/18/2016

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Tiquetonne

JEDEM DIE SEINE, NUR NICHT DIE SPREE / ICH WAR IN PARIS – UND NICHT IN BERLIN

Am morgen hustet im Hintergof der kettenrauchende Hausmeister ein fröhlichs Guten Morgen und die Polizei singt ihr Sirenenlied, wärend sie mal wieder an einer völlig überfüllten Kreuzung keine gefühlte sondern eine wirkliche Ewigkeit darauf wartet, weiter fahren zu können. Ganoven jagen. Der Regen des Vortags ist verreist und Paris am Morgen ist ein sonniges Gewusel. Die Motoren von Autos, Motorrädern und Rollern scheinen hier lauter als in Berlin, die Straßen voller und alles größer und schöner und vor allem: Das ist eine Stadt. Also eine wirkliche Stadt. Du könntest dich in Berlin Friedrichshain nachts von einer Horde marrokanischer Dealer verprügeln lassen und wüsstest noch immer nicht so recht, ob du in einer Großstadt oder auf einem Junggesellenfest in der Eifel bist. Hier aber versprüht selbst der kleine Finger eines arabischen Fake-Uhren-Verkäufers mehr metropolischen Charme als ganz Mitte an einem Samstag Vormittag. Die Häuser sind schöner und vor allem sind die Menschen besser angezogen als die gesamte Berliner Instagram Elite. Sitze ich hier morgens in einem beschatteten Straßencafe bei Americano und Zigarette mit Sonnenbrille, dann schehrt das niemanden. Das, genau das ist es, was eine Stadt ausmacht. Wenn du auffallen willst, gib dir Mühe. Wenn du einfach nur du selbst bist, nur zu, mir egal.

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Madame et Filou


Natürlich leugne ich nicht die Banne Lieus, die Chancenungleichheit, die Kriminalität, die Bettler und die rechten Wähler. Ich bin ja kein Idiot. Ham wa auch, in Berlin. Und dennoch gibt es in Paris etwas, was es in der preußischen Provinz einfach nicht gibt. Wer in Mitte oder Prenzlauer Berg nicht biodeutsch aussieht, ist zu Besuch oder zugezogen. Und das sind ja keine elitären Vorstadtsiedlungen, sondern in all ihrer Piefigkeit gewachsene Stadtstrukturen. In Kreuzberg bin ich in einer anderen Welt, in einer türkischen Enklave, wo man türkisch spricht, verkauft und raucht. Klar, das hat was. Hat aber auch Vieles nicht. Im Pariser Café aber sitzen die Frauen, deren Hautfarbe nordafrikanisch ist und da sitzen Männer, die aussehen wie Alain Delon und Gruppen mit einer Haut dunkel wie mein Kaffee und sie alle sind Pariser. Sie alle sind hier und haben mit ihrer Verschiedenheit etwas Neues geschaffen. Vermutlich nichts Französisches, aber doch Paris. Eine gemeinsame Identität, die nicht einmal mehr neu ist. Sie alle sind Pariserinnen und Pariser. Wie schade, wie traurig nach Berlin zurück zu müssen. Es fühlt sich an als kehrte ich heim in das kleine Eifelstädtchen meiner Eltern, aus dem ich doch immer fort wollte, raus in die große Welt.

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Regen, Kaffee, Zigarette – zuhause


Und das Spiel gestern? Ich bin natürlich früher gegangen. Der Kick war mäßig und im Stadion war einfach zu viel Aggro-Publikum unterwegs, mit denen ich nicht auf dem Stadionvorplatz stehen oder in der Metro sitzen wollte. Was ein unsportlicher aggresiver gröhlender Haufen viele der Polenfans doch gestern waren. Bestimmt alles nette Kerle, in real life quasi, aber es fühlte sich an wie eine Großraumdisko mit Freibier nachts um drei, wenn die guten Frauen schon alle weg sind. Jede Aktion der Deutschen wurde bepöbelt, verpfiffen, beschrien mit einer Wut und Aggresivität, als ginge es ums Leben oder gar um Fußball und ich fühlte mich als schlanker Schnösel fehl am Platz zwischen all den tumben Muskelmassen. Ja, auch das ist Fußball, gut so, aber muss ja nicht. Ich habe es oft genug erlebt wie es sich anfühlt, wenn mir aufgepeitschte Besoffskis an der Nasenspitze ansehen, dass ich nicht dazu gehöre.

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Le Hooligan Bohemian


In einem Straßencafe mit Kaffee und Zigarette, das ist eher meine Welt. Das macht meine Welt um keinen Deut besser als irgendeine andere Welt. Aber ich bin halt gern bei mir. Das ist dann wohl die reisende Variante des Introvertierten. Ein Jammer, dass ich abreise.

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Noch nen Reisebericht, diesmal zu Palermo, Sizilien, gibts hier!

pale

Palermo, Sizilien (Reisebericht)

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