THEY FUCK YOU UP, YOUR MUM AND DAD

Edukation / Slider / 03/10/2016

ELTERN DIESER WELT RELAXT – TEIL 1

Kinder werden krank. Soweit so normal. Es kommt aber vor, dass aus einer Mücke mit Schnupfen ein Elefant mit chronischer Lungenentzündung wird – und das ist dann nicht mehr normal, und schon gar nicht gut. Ich schildere mal einen Fall, wie ich allein im engeren Bekanntenkreis gleich einige kenne.

Die Sache mit Mimi

Mimi ist ein Jahr alt. Bald soll sie in die Kita gehen. Leider aber ist Mimi immerzu krank. Sie hat vor allem immer wieder Probleme mit den Atemwegen. Fast jede Woche ist ihre Mutter mit ihr beim Arzt. Mimi hat schon alle möglichen Medikamente ausprobiert und diverse Fachärzte konsultiert. Nichts hilft und Mama macht sich große Sorgen. Zumal sie ganz auf sich allein gestellt ist. Ihr Mann spielt Mimis Krankheit herunter, die Großeltern wohnen am anderen Ende der Republik und je mehr man im Internet recherchiert, desto bedrohlicher wird alles. Im Urlaub am Meer geht es Mimi immer gut. Und ihre Mama überlegt, Berlin zu verlassen und ans Meer zu ziehen, damit Mimi endlich gesund wird. Ihrer Arbeit in Berlin kann sie eh nicht mehr nachgehen, weil Mimi so oft krank ist.

Solche Situationen sind ein riesiges Problem für alle Beteiligten. Das Kind leidet, weil es krank ist. Die Eltern leiden, weil sie sich Sorgen machen. Die Mutter leidet, weil sie Arbeit und Wohnort aufgeben muss. Der Vater leidet, weil er alleine zurück bleibt. Und alle fühlen sich hilflos.

Und eben das ist der springende Punkt: Mimis Eltern sind nicht hilflos. Sie können was tun. Und: Mimis Eltern sind nicht unschuldig an der Situation. Sie haben es mit veursacht.

image


Werden kranke Kinder von ihren Eltern gepflegt, befriedigt das auch ihr Bedürfniss nach Nähe, Schutz und Liebe.

Vererbte Probleme

Eltern vererben ihren Kindern nicht nur körperliche Eigenschaften, sondern auch psychische. Zum einen werden psychische Eigenschaften genetisch vererbt, zum anderen können sie anerzogen werden. Nature und nurture, es gibt hier beides. In Mimis Fall leidet ihre Mutter unter einer Angststörung, sie ist pathologisch hysterisch. Hysterie (die es natürlich bei Frauen und Männern gibt) bedeutet, dass aus einer kleinsten Beunruhigung rasch Panik entsteht. Hysterische Menschen pendeln zwischen „alles ist supi“ und „die Welt geht unter“. Sie haben diese Störung selbst vererbt oder angezogen bekommen und geben diese nun an ihre Kinder weiter. Diese Menschen leben oft in permanenter Angst um ihre eigene Gesundheit – und die ihrer Kinder. Wo andere das Kind mit laufender Nase und Husten in die Kita schicken, gehen Hysteriker zur Notaufnahme. Sie glauben fest, dass ihr Kind schwer krank ist – und das glaubt das Kind dann auch.
Kleine Kinder erleben die Welt durch ihre Eltern. Wie die Eltern die Welt erleben, bewerten, einschätzen, so sehen sie diese auch. Sie können sich noch nicht differenzieren, noch keine eigene unabhängige Position einnehmen. Mama sagt ich bin oft schwer krank? Dann bin ich oft schwer krank und so wird die eigene Krankheit zur Normalität. So wird das eigene Warnsystem hypersensibel, das eigene Selbstbild, die Selbstwahrnehmung nachhaltig gestört.

Nobelpreisträger Kahneman: Priming und Vorurteile (biases) beeinflussen unbemerkt unser Leben.

Überhaupt müssen wir bedenken, dass die Welt, wie wir sie wahrnehmen, einen ganz konkreten Einfluss auf uns hat. Wir sprechen von „Priming“, wenn Dinge, die wir wahrnehmen, unser eigenes Verhalten verändern, wenn wir unbewusst so werden, wie wir anderes gesehen haben. Wenn wir im Rahmen eines Versuches Wörter lesen, die wir mit alten Menschen assoziieren, werden wir in der Folge langsamer gehen, als wenn wir Wörter gelesen hätten, die wir mit Jugendlichkeit und Dynamik assoziieren. Ebenso beeinflusst auch unser unbewusstes Handeln uns selbst. Wenn wir immer zu mit dem Blick nach unten gehen, werden wir zunehmend an Selbstbewusstsein verlieren, gerade so wie wenig selbstbewusste Menschen mit dem Blick nach unten gehen. Kurzum: Wir Menschen sind sehr empfänglich für die unterschiedlichsten Einflüsse. Und das gilt auch und besonders für Kinder.

Auch Gesunde machen krank

Aber auch bei psychisch völlig gesunden und stabilen Eltern kann die Sorge um das eigene Kind bedenklich werden. Denn wie sie mit ihrem Kind und deren Gesundheit oder Krankheit umgehen, so wird es auch das Kind selbst tun. Dabei verfolgt das Kind auch schon im allerkleinsten Alter seine eigene Agenda. Und das geht so:
Es gibt für Kinder nichts Wichtigeres, als die engste Bezugsperson. Das sind meist Vater und/ oder Mutter. Um sich entwicklen zu können, ja um überhaupt überleben zu können, brauchen sie die Nähe der Bezugsperson und nichts ist schöner, als bei Mama oder Papa zu sein. So ist die Natur aller Menschen. Was aber, wenn Mama und Papa nicht so viel Zeit haben, wie das Kind gerne hätte? Was, wenn Mama und Papa besonders viel Zeit für das Kind haben und sich besonders liebevoll kümmern, wenn das Kind krank ist? Hier kann schnell etwas schief gehen. Denn krank sein ist für das Kind blöd, aber wenn Mama und Papa da sind, ist das so toll, da ist das bisschen Schnupfen locker zu ertragen. Und so entwickelt das Kind unbewusst und mit unwissender Unterstützung der Eltern chronische Krankheiten.
Wer hier an Konditionierung, den pavlovschen Hund und Skinner denkt, der liegt ganz richtig, denn zumindest für kleine Kinder hat Behaviourismus durchaus seine Bedeutung.

Und dann all der Stress

Ein weiterer Faktor, der Kinder tatsächlich krank machen kann, ist Stress. Stress beeinträchtigt das Immunsystem, bei Erwachsenen und natürlich auch bei Kindern. Wer unter Stress leidet, bekommt schneller trockene Haut und ist empfindlicher für Infekte. Und Infekte selbst wiederum sind die Ursache vieler weiterer Krankheiten. Ein Kind also, dass immerzu dem Stress ausgesetzt ist den seine Eltern haben, weil diese denken das Kind sei immer krank, wird vermutlich irgendwann tatsächlich krank werden. Da hätten wir dann eine self-fullfilling prophecy.

Doktor Google statt Oma und Opa

Ehe wir jetzt über die Eltern schimpfen, also jene Kraft, die stets das Gute will und stets das Böse schafft, sollten wir nicht vergessen, dass es ihnen auch zunehmend schwer gemacht wird.
Auf der einen Seite ist es heute häufig so, dass Eltern mit ihren Sorgen auf sich allein gestellt sind. Die eigenen Eltern, die Geschwister die schon selber Kinder haben, die Onkel und Tanten, sie sind oft weit weg und können somit weder gefragt noch ungefragt zur Seite stehen. Sätze wie „Ach das kenn ich, das hattest du als Kind auch!“ sind oft heilsamer als jedes Antibiotikum. Denn zum einen versteckt sich dahinter tatsächlich nutzbare Erfahrung. Und zum anderen beruhigt es: Wenn ich das selber schon überlebt habe, wird das mein Kind auch. Also ruhig bleiben.
Anstelle der beratenden Familie haben wir dafür aber Doktor Google, also das Internet mit Informationen über jede noch so seltene Tropenkrankheit. Hinzu kommt eine aufmerksame Medienwelt, die uns überschüttet mit medizinischen Erkenntnissen, uns aber allein lässt mit der nötigen Einschätzung der Gefahr. Komplettiert wird das ganze durch eine Schar von Fachärzten, die nur allzu gerne bereit sind, eine Rechnung nach der anderen zu schreiben und ein Warenangebot im Supermarkt, das sich auf all die kranken kranken Kinder einstellt.
Wir fallen da auf etwas herein, was sich Representation Bias nennt: Wir halten eine Sache für wahrscheinlicher als sie ist, weil sie nunmal häufiger wahrnehmen als sie statistisch existiert. So etwas passiert uns in allen möglichen Situationen.

Was können wir bloß tun?

Heute Kinder zu haben und vor Angst und Sorge nicht umzukommen erfordert also so einiges. Dabei gibt es das ja wirklich, Hausstauballergie, Laktoseintoleranz, Glutenunverträglichkeit, Heuschnupfen, chronisches Asthma und so weiter. Allein: Was davon ist hausgemacht? Was können wir tun?

Erstens, und das gilt vermutlich für alle Entscheidungen und Situationen, die uns am Herzen liegen: Relax! Entspannen! Damit ist schon viel gewonnen. Wenn wir uns entspannen, anstatt in Panik zu geraten, wenn wir das Level unserer Emotionen verringern, sind wir eher in der Lage vernünftige Entscheidungen zu treffen. Emotionen und Rationalität versuchen sich gegenseitig auszubremsen, wir sollten uns also selbst helfen, das Vernünftige zu tun.

Medizinisch bewiesen: In der Ruhe liegt die Kraft. Bleiben die Bezugspersonen des Kindes ruhig, unterstützen sie die Selbstheilungskräfte des Patienten.

Und: Bleiben wir selber ruhig und besonnen, so wird das auf unsere Kinder abfärben. Sie werden die eigene Situation anders beurteilen, sie werden sich ein Beispiel an ihren Eltern nehmen. Sie werden selber weniger Stress empfinden und so ihre Abwehrkräfte stärken. Kurzum: Selbst wenn unser Kinder wirklich wirklich schwer krank sind: Für sie und für uns ist es besser wenn alle entspannt bleiben. Das zeigen auch Untersuchungen. Patienten mit der gleichen Diagnose haben nachweislich völlig unterschiedliche Aussichten auf Genesung. Patienten die glauben, sie werden an ihrer Krankheit sterben, sterben weit häufiger als jene, die überzeugt sind, dass sie es schaffen werden. Und am besten sind die Aussichtenfür jene, die sich erst gar keine Gedanken darüber machen.

Zweitens: Resilienz. Das ist die Fähigkeit, mit Problemen umzugehen, seien diese nun mediznisch, sozial oder sonstwie. Wir sollten unseren Kindern helfen, ihre Resilienz zu entwickeln und stärken. Dies schaffen wir, indem wir ruhig bleiben, indem wir ihnen einentsprechends Vorbild sind,indem wir sie bestärken, wenn sie zeigen, wie stark sie sind.

Drittens: Erweitern wir unseren Horizont. Es ist allzu verständlich, dass Eltern, die sich um ihr Kind sorgen, einen Spezialisten aufsuchen. Das ist ja auch eine gute Idee. Aber: Das muss nicht immer die Lösung sein. In unserer wissenschaftlich geprägten Welt ist es leicht zu denken, dass es für alles eine Medizin gibt, die das Problem schon lösen wird. Wenn wir aber lernen, dass das Problem medizinisch sein kann, aber nicht sein muss, und dass die Lösung medizinisch sein kann, aber nicht muss, dann erweitern wir unseren Schatz an Reaktionsmöglichkeiten. Wir schließen nichts aus, können flexibel reagieren und den Blick weiten.

Viertens: Wir sollten nicht von uns erwarten, alles richtig zu machen. Wir können unser Bestes geben und hoffen, dass wir unsere Sache als Eltern gut machen. Wissen können wir es nicht. Und immer alles richtig machen, werden wir eh nicht. Das kann uns entspannen, ohne dass wir unsere Rolle auf die leichte Schulter nehmen sollten. Denn: Am Ende ist es doch immer so, wie es der englische Dichter Philip Larkin für alle Ewigkeit richtig formuliert hat:

“They fuck you up, your mum and dad.
They may not mean to, but they do.
They fill you with the faults they had
And add some extra, just for you.
[…]“

Quellen
Mehr darüber, wie unsere Psyche unseren Körper beeinflusst und sogar heilen kann, weiß Jon Kabat-Zinn. Ich empfehle sein Buch „Gesund durch Meditation“. Das ist gar nicht so spirituell wie es klingt, sondern eher wissenschaftlich medizinisch.
Eine Einführung zur Psychologie an sich gibt es umsonst bei der iTunes U der Yale University.
Alles was man über die Arbeitsweise unseres Gehirn weiß Daniel Kahneman. Unbedingt lesen: „Schnelles und langsames Denken.“
Und das ganze Gedicht von Philip Larkin ist zwingend googlewert!







Previous Post

ICH HABE DAS PROGRAMM DER AFD SA GELESEN

Next Post

MANIFESTO MADNESS