ICH HABE DAS PROGRAMM DER AFD SA GELESEN

Slider / Socio.Politico / 03/01/2016

GRETCHENFRAGE: WIE HAST DUS MIT DER KULTUR?

 

Ich habe mich gefragt: Was meinen die Leute, wenn sie sagen, schreiben oder brüllen, dass sie die deutsche Kultur bewahren und das Abendland schützen wollen? Denn ich hatte den Eindruck, dass deren Verständnis eines kulturellen deutschen Erbes ein anderes ist als meins. Ich habe zwar deutsche und europäische Literatur und Philosophie und Pädagogik studiert und jahrelang gewissermaßen kulturschaffend gearbeitet – in AfD, Pegida, NPD und diversen Pogromen und Internetkommentaren kann ich mein Kulturverständnis und meine Wissensbestände jedoch nicht wiedererkennen. Ich habe also das Wahlprogramm der AfD aus Sachsen-Anhalt (AfD SA) gelesen um zu lernen, was die unter Kultur so verstehen. Und dies hab ich gelernt:

Zusammen fassend lässt sich sagen:

(1) Die AfD SA will: preußische Tugenden und ein erzkonservatives Gesellschaftsbild mit verfestigten gesellschaftlichen Klassen und Rollen und die verpflichtende Vermittlung eines unkritischen positiven Deutschlandbildes durch Schulen und kulturelle Institutionen, dem sich alle in Deutschland lebenden Menschen zu verpflichten haben und das Nazideutschland als historisch weniger bedeutend begreift.

(2) Die AfD SA will nicht: Ausländer, Muslime (egal ob In- oder Ausländer), Gleichberechtigung, soziale und finanzielle Gleichheit, kulturelle Entwicklung, internationale Solidarität.

(3) Die AfD SA behauptet zwar, dass sie das Humboldtsche Bildungsideal, die Aufklärung, die Reformation und die Veränderbarkeit der Kultur fördert, ihr Programm aber widerspricht dem – und zwar ausführlich.

(4) Die AfD will einerseits, dass eine einheitliche, vulgo uniforme Kultur gelehrt wird, gleichzeitig will sie aber auch freie Schulen zulassen und gleichstellen. Sie will einerseits, dass der Staat das Gewaltmonopol hat, gleichzeitig will sie aber auch Bürgerwehren. Sie will einerseits eine Gleichbehandlung aller vor dem Gesetz, geht im Programm aber ausschließlich auf die Verfolgung von (möglichen oder tatsächlichen) Straftaten von Ausländern, Asylanten, Einwanderern, Flüchtlingen und Autonomen ein.

(5) Die AfD SA postuliert eine vermeintliche preußische Idealgesellschaft (die es na nie gegeben hat), beschreibt in ihrem Programm aber ein Land, dass weniger mit Preußen als mit Deutschland nach ’33 gemein hat. Soweit die Sachanalyse des Programms.

Mein persönliches Fazit

Das Bild, das die AfD SA von der Kultur Sachsen- Anhalts und Deutschlands hat, ist sehr rudimentär, ungemein selektiv, unkritisch und idealisierend. Im Kulturverständnis der AfD ist kein Platz für die meisten der größten Kulturschaffenden Deutschlands wie (in loser unvollständiger Aufzählung) Heinrich Heine, Kurt Tucholsky, Heinrich Mann, Thomas Mann, Immanuel Kant, Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller, Friedrich Nietzsche, Arthur Schopenhauer, Berthold Brecht, Heinrich Böll, Joseph Beuys und Pina Bausch. Bestandteile einer abendländischen oder christlichen Kultur finden sich im Programm der AfD SA so gut wie gar nicht. Keine Spuren griechischer oder römischer Philosophie, also Freude an der Vernunft. Keine christlichen Werte. Keine Aufklärung. Kein Humanismus. Keine kritische Wissenschaft. Kulturelles Erbe wird reduziert auf die persönliche Freiheit tun zu dürfen, was man will, solange es aber ausschließlich dem entspricht, was die AfD SA will, selbst wenn dies dem kulturellen Erbe des Landes fundamental widerspricht.

Was die AfD somit also verpflichtend auf den Bühnen des Landes zeigen will, bleibt schleierhaft. Was kulturell an den Schulen gelehrt werden soll, bleibt unerkennbar.

Die AfD SA weiß nicht, was sie da eigentlich verteidigen will. Sie weiß ebenso wenig, wovor sie es verteidigen will, denn auch die angeführten Ausländer, Asylanten und Einwanderer sind eine inhaltlich diffuse Masse.

Kurzum: Die AfD SA hat keine konkrete Vorstellung von dem, was sie unter Kultur versteht. Die konkreten Angaben werden reduziert auf Tugenden, die sich im Konkreten des Parteiprogramms aber ins Gegenteil verkehren. So wird Freiheit zu Restriktion, Gerechtigkeit zu Benachteiligung, Geradlinigkeit zu Verbohrtheit, Ehrlichkeit zu Wahrheitsverfälschung. Von Nächstenliebe ist nirgends die Rede.

Textbelege

„Wahlprogramm zur Landtagswahl am 13. März 2016“, AfD-Landesverband Sachsen-Anhalt, Magdeburg 2016

(1)

„Eine einseitige Konzentration auf zwölf Unglücksjahre unserer Geschichte verstellt den Blick auf Jahrhunderte, in denen eine einzigartige Substanz an Kultur und staatlicher Ordnung aufgebaut wurde.“ (S.1)

„Wir wehren uns gegen lebensfremde Gesellschaftsexperimente, die den Wandel der Geschlechterrollen manipulieren und einen neuen, geschlechtsneutralen Menschen erschaffen wollen.“ (S.3)

„Das gesellschaftspolitische Experiment der Gender-Ideologie lehnen wir strikt ab, da es unserer Wertevorstellung entgegensteht.“ (S.9)

„Gegen die Gleichstellung der Ehe mit der eingetragenen Lebenspartnerschaft“ (S.9)

„Das Bildungssystem […] muss auch Sinn stiften, zu Tugenden wie Fleiß und Disziplin erziehen und dafür sorgen, dass junge Menschen wieder bereit sind, hart an sich zu arbeiten.“ (S.13)

„Wir brauchen […] eine bessere, zielgenauere und stärker am tatsächlichen Bedarf wie auch den individuellen Begabungsvoraussetzungen orientierte Vorbereitung junger Menschen auf ihren Beruf.“ (S.13)

„Positiven Bezug zu Deutschland fördern! […] Die Deutsche Geschichte und die Geschichte Sachen-Anhalts bieten genügend Anknüpfungspunkte, auf die wir uns mit Stolz berufen können.“

(2)

„Mehrgliedriges Schulsystem beibehalten“ (S.15)

„Förderschulen erhalten!“ (S.16)

„Genderstudien streichen! […] Geschlecht ist keine geisteswissenschaftliche Disziplin“ (S.19)

„Die Internationalisierung aller Lebensbereiche […] auf deutschem Boden und der fehlende Mut zu einer deutschen Leitkultur schwächen den gesellschaftlichen Zusammenhalt und gefährden auf lange Sicht die Demokratie selbst.“ (S.20)

„Es sollen ausschließlich in ihrer Heimat politisch verfolgte zeitweise Schutz i unserem Land erhalten.“

(S.24) „Asylanträge sollen grundsätzlich außerhalb der EU gestellt und dort bearbeitet und entschieden werden.“ (S.24) „In den Aufwendungen für Asylbewerber ist bislang ein monatliches Taschengeld von 143 € enthalten, was eine Sogwirkung erzeugt.“

(S.25) „Alle Beitrittskandidaten der EU sind dabei als sichere Herkunftsländer zu behandeln.“ (S.26)

(3)

„Wir bekennen uns zum Humboldtschen Bildungsideal“ (S.13)

„Museen, Orchester und Theater sind in der Pflicht, einen positiven Bezug zur eigenen Heimat zu fördern. Die Bühnen des Landes Sachsen-Anhalt sollen […] stets auch klassische deutsche Stücke spielen und sie so inszenieren, dass sie zur Identifikation mit unserem Land anregen.“ (S.20)

„Die private Religionsausübung muslimischer Mitbürger ist in Sachsen-Anhalt auch ohne Großmoscheen mit Minaretten möglich.“ (S.32)

(4)

„hunderttausende von Wohlstandsflüchtlinge“ (S.3.)

„Eltern ist grundsätzlich die Wahlfreiheit zwischen Schul- und Hausunterricht für ihre Kinder einzuräumen.“ (S.10)

„Unser einst von Freiheit geprägtes Bildungswesen wird in ein bürokratisches Korsett gezwungen.“ (S.13)

„Schulen in freier Trägerschaft tragen zur Vielfalt unserer Bildungslandschaft bei.“ (S.14)

„Für arbeitslose Einwanderer fordern wir [..] gemeinnützige Bürgerarbeit.“ (S.30)

„Gerade vor dem Hintergrund von Massenzuwanderung und exponentiell steigender Kriminalität verdient der Bereich Innere Sicherheit besondere Beachtung und Förderung.“ (S.54)

„Die entsprechenden Straftatbestände sind zu verschärfen und konsequent gegen jeden, auch gegen Straftäter aus den Reihen der Linksautonomen und Zuwanderer, durchzusetzen.“ (S.55)

„Angesichts dieser Situation fordern wir […] eine freiwillige Bürgerwehr auf kommunaler Ebene einzuführen.“ (s.57)

(5)

„Neben grundlegenden Kulturtechniken müssen deshalb ebenso die klassisch preußischen Tugenden Geradlinigkeit, Gerechtigkeitssinn, Ehrlichkeit, Disziplin, Pünktlichkeit, Ordnungssinn, Fleiß und Pflichtbewusstsein vermittelt werden. Um solche Tugenden zu vermitteln, bedarf es Autorität.“ (S.14)


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