WAS MACHEN WIR MIT NAZIS?

Slider / Socio.Politico / 12/15/2015

DARUM IST DIE DUNKLE SEITE DER MACHT SO GEFÄHRLICH

Ich hatte als Kind einen wiederkehrenden Albtraum: Ich lief eine Straße entlang und wurde von einer Meute Nazis verfolgt. Irgendwann hatte ich keine Kraft mehr in meinen Beinen, sie waren taub, ich fiel zu Boden und musste mich nun mit den Händen die Straße weiter ziehen, mich an Autoreifen vorwärts ziehen und irgendwann hinter einem Auto verstecken, wärend die Nazis näher gerannt kamen.

Nazis sind dumm, weil:

Warum ich das immer wieder träumte und mit einer scheiß Angst und verschwitzt aufwachte? Zum einen vermutlich, weil ich schon immer ein melancholischer Mensch war, zudem ängstlich und außerdem hab ich als Kind wohl zu viel Zeit damit verbracht, Dokus über das Dritte Reich zu sehen. Ich konnte das einfach nicht verstehen. Wie konnten ausgerechnet jene Menschen, die doch behaupteten ihr Land zu lieben, alles an und in diesem Land zerstören? Das war so dumm! Ihr Krieg führte dazu, dass ihre schönen Städte zerstört wurden und ihre Landsleute getötet wurden. Viele ihrer Landsleute brachten sie selber um, obwohl die ihr Land genau so liebten wie sie selbst und lediglich eine andere Religion hatten. Wie dumm kann man sein? Und die Kunst und die Kultur, wie kann man denn behaupten, Bewahrer der eigenen Kultur zu sein, wenn man führende Köpfe aus dem Land wirft oder einsperrt oder umbringt oder verbietet? Entartete Kunst, Bücherverbrennung, Berufsverbote, himmelherrgott. Außerdem taten die Nazis ja alles dafür, vom Rest der Welt gehasst zu werden. Und sie sorgten dafür, dass man ihr geliebtes Heimatland auf eine gesunde Größe zusammen stutzte. Unglaublich. Wie dumm muss man bitteschön sein, um Nazi zu sein?

Und ihre Anführer damals? Sie propagierten den Herrenmenschen und wollten den deutschen Übermenschen züchten und waren doch ein kautziger Österreicher und ein verkrüppelter Kölner. Hallo? Wie können auch heute ausgerechnet die Dümmsten, Ungebildetsten, Hässlichsten wie Zschäpe und die Uwes denken, dass ausgerechnet sie besser sind als alle anderen? Sie sind es nicht. Nein, sie sind auch nicht schlechter, nur weil sie dumm sind, ungebildet und hässlich. Aber besser sind sie schon mal gar nicht!
Und wie gefährlich diese NSDAP Arschgeigen doch waren! Ich bildete mir als kleines Kind ein, besonders clever zu sein, kritisch und philosophisch. Ich hatte Angst, dass, kämen die Nazis an die Macht, dass sie mich verfolgen würden. Denn ich war nunmal kein Kneipenschläger, kein Judenhasser, kein Kunstverbieter, kein Menschenfeind.

Warum ich Anakin Skywalker verstehe

Aber ich hatte wohl noch eine weitere Angst. Denn irgendwie konnte ich auch die Anziehungskraft verstehen, die Menschen, selbst Gebildete, Studierte, Intellektuelle zu Nazis machte. Die dunkle Seite der Macht ist stark. Vor allem, wenn man, wie der kleine Dirk, an Minderwertigkeitesgefühlen leidet. Denn zwar dachte ich einerseits, besonders clever zu sein. Andererseits fand ich mich aber auch häßlich und schüchtern und schwach. Ich konnte schon irgendwie verstehen, warum es Menschen gibt, die auch mal zu den Starken gehören wollen. Und dass man die Gegend, das Land, die Kultur mochte, aus der man kam, das fand ich auch nachvollziehbar. Außerdem waren die Nazis damals ja führend, wenn es um Propaganda ging. Fackelumzüge, Inszenierungen von Parteitagen, Schaffung und Stärkung des Gemeinschaftsgefühls und, pardon aber ist so, schicke modische Klamotten. Die wussten durchaus, welche Knöpfe man drücken musste. Knöpfe, die bei allen Menschen funktionieren.

Die dunkle Seite der Macht ist stark, es gibt sie und sie machte mir Angst. Ich hatte Angst, dass die dunklen Mächte mich töten würden. Und ich hatte Angst, selbst der dunklen Seite der Macht zu erliegen.

Warum ich Obi Wan sein will

Jetzt kann man mich natürlich anfeinden. Man kann mich verurteilen, weil ich hier also Verständnis aufbringe für die größten menschenverachtenden Barbaren, die der Planet je gesehen hat. Nur zu. Ich aber denke, dass wir den Hass der Unmenschen nicht bekämpfen können mit unserem eigenen Hass. Genau das ist es doch, was uns selber zu schlechten Menschen macht. (Hätte Luke aus Hass seinen Vater erschlagen, wäre er damit selber zur dunklen Seite der Macht gewechselt.) Versuchen wir aber den Gegner zu verstehen, so können wir ihm helfen, dem Bösen abzuschwören.

Aber das ist nicht immer leicht. Vor allem nicht, wenn die hässliche Fratze des Nationalsozialismus und des Rassismus sich auch heute zeigt, bei Pegida, AfD, NSU und weißgott nicht nur da. Ich denke aktuell viel nach über meinen Kindheitsalbtraum, denn ich habe auch heute wieder Angst. Diesmal nicht davor, selber ein Rechter zu werden. Aber davor, dass die Rechten in Deutschland so stark werden, dass ich es hier nicht mehr aushalte und das Land verlassen muss. Grad so wie es Tucholsky tat. Mir wird übel, wenn ich sehe, dass Flüchtlingsunterkünfte brennen, dass der Verfassungsschutz den NSU unterstützte und nicht mal den Arsch in der Hose hat, dies zuzugeben; ich kann nicht schlafen, wenn ich an Pegida Demos denke und den Höcke höre. Ich will nicht, dass die wieder alles kaputt machen. Aber ich habe Angst, dass sie es tun.

Was kann ich dagegen tun? Ich weiß es nicht. Ich mache ein zwei Videos, schreibe Texte die kaum einer liest, mische mich in Diskussionen auf Facebook ein. Aber kann überhaupt irgendwer jener Kraft Einhalt gebieten, die in jedem Menschen, überall auf der Welt, lebt? Ich fühle mich wie Lennon ohne Mikrofon, wie Gandhi ohne Charisma, wie ein Kind, das sich unter der Decke versteckt und der Welt leise flüstert: „Schluss damit!“

Ich habe Angst. Und so lange ich noch die Kraft habe, werde ich freundlich bleiben, verständnisvoll und deren Hass mit Liebe begegnen, mit Humor, mit Optimismus. Und wenn ich die Kraft nicht mehr habe? Dann gehe ich. Ich packe im Gedanken schon mal die Koffer.


Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , ,




Previous Post

VOM REDLICHEN BEMÜHEN

Next Post

ICH HABE DAS PROGRAMM DER AFD SA GELESEN