BUH, WERBUNG!

Slider / Socio.Politico / 09/27/2015

Fast ist sie schon ein wenig berühmt, diese blush Werbung in Berlin, Torstraße Ecke Karl-Liebknecht- Straße.
Und immer ist sie beschmiert, mal mit feministischen Slogans, mal lieblos getagged. Logo, denn wie der feministische Genderdiskurs uns zeigt, ist dieses Plakat Sinnbild all dessen, was es zu bekämpfen gilt, nämlich die Sexualisierung, Verdinglichung von Frauen, das Zwängen und Zwingen von Frauen in die hier propagierte Rolle des süßen, jungen, schlanken Lustobjekts. Interessant ist aber daneben. Denn da hängt noch eine Werbung – und die macht exakt das Gleiche, nur halt mit Männern, und die ist nie beschmiert, nie. Egal für welches Männerprodukt Werbung gemacht wird. Komisch.
blush
Was passiert da links? Nun, da wird ein Mann gezeigt und die Art und Weise wie er gezeigt wird soll dafür sorgen, dass die Männer die das sehen die Produkte kaufen, die da beworben werden. Und das klappt. Warum? Weil der Mann halt so männlich ist. Und was das ist, das lernen schon kleine Jungs. Der Mann hier hat einen Bart und schon in der Schule lernt man: Wenn Du zu spät oder zu wenig Bartwuchs hast, dann bist du nicht männlich, also doof. Und der Mann ist sportlich. Lernen wir schon als Kinder: Unsportliche Jungs – sehr sehr kritisch, Sportfest und Bundesjugendspiele und als letzter ins Fußballteam gewählt werden. Und der Mann ist stark! Ha, wir wollen ja keine Schwächlinge. Und er ist in der Natur. Logo, Naturburschen, kernig, ganze Männer, aber bitte bloß keine Stubenhocker. Und er ist all das, obwohl er doch schon etwas älter ist, wow, ein ganzer Kerl, auch im hohen Alter! So muss mann sein! Und das sagen uns nicht nur die Klassenkameraden, Lehrer, Väter und Fernsehshows. Nein, das sagen uns auch die Mütter, die Lehrerinnen, die Frauen in den Spielfilmen und in der Werbung. Und das sagen uns vor allem auch die Mädchen in unserer Klasse! Von denen wollen wir gemocht, geliebt, geküsst werden – und wir werden unser Leben lang alles dafür tun, dass das auch passiert.
Als Kind habe ich unter diesen Männerclichés sehr gelitten. Ich war dünn, schüchtern und am liebsten daheim. Und allein. Ich wurde gehänselt, gemobbt und ich habe viel Zeit in meinem Bett verbracht, weinend.

Diese Werbung hier in Berlin ist also, wenn man so will, sexistische Gewalt gegen Männer. Sollten wir sie also vandalisieren? Müssen wir den kleinen Dirk nicht davor beschützen? Bloß nicht!
Ich fühle mich mittlerweile sehr wohl in meiner Haut. Ich liebe es ein Mann zu sein. Ich entspreche nicht dem Bild auf dem Plakat, will es nicht, werde es nicht und muss es ja auch nicht. Denn ich habe gelernt: Das da ist ja nur ein Bild von sehr sehr vielen. Es ist nur eine Variante von Mann-sein, von Mensch sein und sie ist ebenso gut und richtg wie jede andere Variante. Es ist halt einfach nicht die richtige für mich. Aber wems gefällt, na bitteschön.

Und deswegen will es mir auch nicht in den Kopf, warum die blush Plakate immerzu zerstört werden. Natürlich zeigen sie ein sehr eindeutiges Frauenbild. Na und? Sie behaupten ja auch nicht, dass es das einzige sei oder dass es das einzig gültige sei. Wenn es Dir gefällt, nimm es. Wenn nicht lächel und gehe weiter. Aber mach nicht kaputt was dir nicht gfällt, ohne dass es dir Leid antut.
Ich denke dahin sollten wir kommen: Verstehen, dass wir alle gut und richtig sind so wie wir sind. Gleichberechtigt und frei. Und das bedeutet auch, anderen die Freiheit zu lassen so zu sein, wie sie es gern sind.
Ich kann als introvertierter kreativer Mann glücklich sein, obwohl meine Kindheit geprägt war von Thomas Magnum, Colt Seavers und James Bond. Aber es hätte mir mein Leben leichter gemacht, wenn die Nebenrollen keine Lachnummern gewesen wären, sondern ebenso coole Typen. Nur halt anders. Ich hätte gerne Vorbilder gehabt. Und ich hätte gebraucht, dass man mir sagt: Dirk, diese Muskeltypen, die sind ok wie sie sind, wenn sie das so wollen. Geh du nur deinen eigenen Weg.
Und wenn wir das den Jungs und Mädchen heute sagen, dann müssen sie sich später als Männer und Frauen und in all den Schattierungen die es dazwischen gibt nicht bekriegen.
Es darf nicht darum gehen jene, die anders sind als wir zu bekämpfen. Es muss darum gehen, unsere eigene Position zu finden und aufzuzeigen und darum zu erkennen, dass wir alle gleichberechtigt und gleich gut sind, aber niemals gleich – sondern einmalig.







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