6 SPEKULATIONEN ZU GRIECHENLAND

Slider / Socio.Politico / 07/08/2015

MAL NÜCHTERN DRAUF GESCHAUT

1. Wer ist schuld?

Das ist vermutlich die falscheste aller Fragen, denn sie hilft nicht weiter. Letztlich gibt es eine aktuelle Situation die zu meistern ist und alle, die hierzu einen Beitrag leisten wollen, können oder müssen sollten dies im Rahmen ihrer Möglichkeiten tun. Die Frage nach Schuld verschiebt hier die Perspektive und beeinflusst die Lösungen. Wenn ich sage, dass Oskar schuld ist, dann erwarte ich von Oskar, dass er auch mehr zur Beseitigung des Problems tut als alle anderen. Aber Oskar kann nicht mehr tun als er auch wirklich tun kann und das ist vollkommen unabhängig davon, ob er schuld ist oder nicht. Abgesehen davon: Es ist irre demotivierend für Oskar, wenn wir immerzu mit dem Finger auf ihn zeigen. Vermutlich wird er dadurch nur bockig und will nicht helfen, das Problem zu lösen. Also, schluss damit.
Bockskampf

2. Wer ist schuld???

Nun gut, meinetwegen aus akademischem Interesse, schauen wir mal wer schuld ist. Wer ist Oskar?
Zum einen die Griechen. Immerhin haben sie über Jahrzehnte Politiker gewählt, die ihr Land ruiniert haben. Die Griechen wussten das, aber es ging ihnen ja gut damit, also haben sie den Mund gehalten. Also, die Griechen sind schuld. Aber sie sind in guter schlechter Gesellschaft.

Europa ist schuld. Europa hat den Griechen den Euro gegeben und das war nicht clever, denn sie wussten ja, dass Griechenland die Bedingungen nicht erfüllte. Und schlimmer noch: Genau wie die Griechen selbst haben die Europäer genau jene Politiker und Parteien unterstützt, die den ganzen Schlamassel in Griechenland angerichtet haben. Und noch noch schlimmer: Sogar bei der Wahl in diesem Jahr haben sich die Europäer einen Sieg genau jener Idiotenparteien gewünscht, die den Mist gebaut haben. Unverbesserlich, ja stur muss man da sagen. Und nun wird ausgerechnet jene Partei abgelehnt, die mit den Fehlern der Vergangenheit brechen will. Europa, schuld schuld schuld.

Aber es fehlt noch wer im Trio Infernale: die Banken. Auch die Banken wissen seit Ewigkeiten, dass es eine Schnapps- bzw Ouzoidee ist den Griechen Geld zu leihen. Aber sie haben es dennoch getan, denn sie ahnten, nein wussten ja: Europa haut sie da raus! Und genau das passiert jetzt. Die deutschen und französischen Banken wollen ihr Geld zurück und Europa in Form der Regierungen und Institutionen hilft ihnen dabei. Die Banken wissen: Sie sind wichtiger als die Menschen. (Was man durchaus anders sehen kann.) Also, die Banken? Mega schuld.

3. Worüber wird gestritten?

Es geht bei Griechenland um die Lösung von zwei Problemen (und ja, ich male hier mit dem dicken Pinsel, das ist ein Blog, kein Buch):
Wie kann Griechenland seine Schulden bezahlen?
Und wie kommt die griechische Wirtschaft wieder auf die Beine.
Wenig überraschend hängt das eine an dem anderen und umgekehrt.
Leider gibt es hier keine Lösung mit Erfolgsgarantie, es gibt keine Idee mit Geld-zurück-Versprechen. Alle Ideen sind also pure Spekulation. Die einen sagen, dass man in Griechenland investieren muss. So springt die Wirtschaft wieder an und das Land verdient Geld, mit dem es seine Schulden begleichen kann. Dieser Meinung sind zum Beispiel die USA und die Griechen selbst.
Eine andere Idee ist es, so viel Geld wie möglich zu sparen, also Ausgaben senken und im Grunde das tun, was Unternehmensberatungen so tun: Leute entlassen, Kosten senken, langsam wieder hoch arbeiten. Dieser Meinung sind die Institutionen/ die Troika und zum Beispiel Deutschland.

4. Wieso gibt es keine Einigung?

Wir haben hier zwar ein Problem, das sich völlig nüchtern analysieren lässt. Leider aber sind die beiden Lösungsansätze Folge unterschiedlicher Ideologien. Ideologien sind im Wesen eine Herzensangelegenheit, haben neben einem rationalen auch einen sehr großen emotionalen Anteil. Und genau diese Emotion steht beiden Parteien im Weg. Syriza ist eine linke Partei und das sagen sie auch laut und deutlich. Das ist leider nicht sehr diplomatisch, denn die Gegenseite ist neoliberal. Je mehr beide Seiten also ihre ideologische Natur, je mehr sie ihre Unterschiedlichkeit betonen, desto unwahrscheinlicher wird eine Annäherung. Dies ist ein gut erforschtes Phänomen. Indem ich konstatiere, dass A unterschiedlich ist zu B nehme ich die Unterschiede zwischen beiden größer wahr als sie sind. Hier bedeutet das: Es gibt keinen linken Neoliberalismus, keine Schnittmenge der beiden Seiten, keine Lösung. Leider verstellen uns also die Ideologien den Blick auf die nüchterne Sachlösung.

Leider aber hat das noch weitere Konsequenzen. Syriza sagt, dass sie ihren Kampf für ganz Europa kämpfen, denn Syriza möchte schlichtweg ein anderes System, denn sie haben eine andere Weltsicht als die meisten anderen europäischen Regierungen. Ich bewundere den Idealismus von Syriza, aber damit machen sie es umso schwerer. Denn natürlich haben die europäischen Verhandlungspartner Angst, dass Syriza mit seiner neuen Ideologie Schule macht, denn das würde bedeuten, dass die aktuellen Machthaber Europas ihre Macht verlieren. Die haben daran natürlich kein Interesse.

Diese Dynamik ist Folge eines geeinten Europas. Die Länder des Kontinents sind einander mittlerweile so nah, dass Veränderungen in einem Land Auswirkungen in anderen, weit entfernten Ländern haben können. Erinnern wir uns nur an die Angst der Spanier vor dem schottischen Unabhängigkeitsreferendum. Wenn die Schotten sich von England lösen, Himmel, dann gehen vermutlich auch die Katalanen. (Und das ist nur ein Beispiel von vielen.)

5. Und die Medien so?

Die deutschen Medien tun was sie können – um die Sache noch zu verschlimmern. Aber vielleicht ist meine Sicht da zu idealistisch. Ich sehe das nämlich so: Parteien wollen und sollen zur Meinungsbildung beitragen. Das hat zur Folge, dass sie gelegentlich lügen, um die Meinung der Öffentlichkeit in ihrem Sinne zu beeinflussen. So behaupten beispielsweise CDU-, CSU- und SPD-Mitglieder unisono, dass es an der Zeit sei, dass die Griechen Reformvorschläge machen. Dabei machen diese das seit Monaten. Sie behaupten immerfort, dass sie griechische Vorschläge akzeptieren, die sie selber nachweislich aus den Dokumenten gelöscht haben. Kurzum: Sie lügen. Nachweislich. Am laufenden Band. Den Prozess würden sie verlieren. Aber Schwamm drüber.
Bedenklich aber ist, dass die deutschen Medien all diese Falschaussagen übernehmen. Die live Kommentare aus Brüssel und Athen, die Berichte in den Nachrichtensendungen, die Behauptungen in den Talkshows – alles der selbe Unsinn. Wieso machen die das? Die Berichterstattung ist tendenziös und manipulativ und trägt zur emotionalen Eskalation bei. (Am Rande erwähnt verfüge ich über die berufliche professionelle Expertise dies beurteilen zu können.) Allein ein Blick in die ausländische Berichterstattung und die deutschen Kollegen müssten ihre Perspektive zumindest überdenken.

6. Wie kommen wir doch noch zu einer Einigung?

Wenn zwei sich streiten, schlichtet der Dritte. Varoufakis hat den Weg frei gemacht, aber das ist nicht genug. Beide Seiten sind stur, haben sich verrant. Da muss nun jemand von außen ran. Irgendwer von einem anderen Kontinent mit der nötigen Expertise und Autorität. Es ist ja nicht so, als seien die unterschiedlichen Positionen nicht ausreichend bekannt. Also, eine Schlichtung muss her. Dampf muss raus aus dem Kessel. Die Kuh muss vom Eis. Ruhig Blut. Kühlen Kopf bewahren etc pp.

 


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