WÖLFE, SCHAFSPELZE UND EIN SCHWARZES SCHAF

Edukation / Slider / 06/23/2015

J’ACUSE, IHR SCHÖNWETTERMORALISTEN!

Die schonungslose Wahrheit vorneweg: Ich unterstelle niemandem böse Absichten, Ja im Gegenteil sogar potz Blitz, ich begegne den Akteuren dieses Trauerspiels sogar wohlwollend, wenn nicht gar freundschaftlich. Dies bedeutet jedoch keinen Freibrief. Meine Kritikfähigkeit bewahre ich mir und bin durchaus gewillt zu prüfen, ob selbst jene, die ich mag, wie ich nun mal alle Menschen mag, nicht doch auch Dinge tun, die kritisiert werden müssen.

Der kategorische Imperativ

„Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ (I. Kant)

vive
Lasst uns also den kategorischen Imperativ auf das Verhalten der Verantwortlichen, für die Konsequenzen der neuen Studienordnung, anwenden. Das ist nicht nur eine Aufgabe die intellektuell Spaß macht, zumindest mir. Das macht auch Sinn. Immerhin ist seitens der Lehrkräfte der Grundschulpädagogik immer wieder die Rede von Inklusion, Heterogenität, Gender, Orientierung der Lehre an der Lebenswirklichkeit. Es wird von Humboldts Ideal der Bildung gesprochen, von der Erziehung zum kritischen Menschen, kurzum: Die Lehrenden wollen uns verdeutlichen, wie vielschichtig unser zukünftiger Beruf ist und wie sehr er doch immer wieder moralische Handlungsentscheidungen tangiert. Verknappt ausgedrückt sagt man uns: „Helft Euren Schülerinnen und Schülern gute Menschen zu werden.“

Ich bin voll dafür. Und meine Einstellung zu dieser Forderung und diesem Wunsch ist eindeutig: If you talk the talk you gotta walk the walk. Wenn die Lehrenden dies wünschen, dann sind sie in der Pflicht mit gutem Beispiel voran zu sehen. Ihr Wunsch verliert ansonsten seine Glaubwürdigkeit und mit seiner Glaubwürdigkeit seine Bedeutung. Nein nein, das ist nicht die Forderung nach Perfektion, nach Fehlerlosigkeit, danach alles immer wieder richtig zu machen. Es ist aber die Frage: Werden die Verantwortlichen ihren eigenen Idealen gerecht? Oder haben wir hier im worst case einen Fall von Doppelmoral und Scheinheiligkeit? (Ich empfehle ob dieser schweren Worte einen Rückblick auf den ersten Abschnitt, denn ich unterscheide zwischen Tat und Täter. Ja, das geht.)

Für mein eigenes tägliches Handeln und Denken ist der von Kant entwickelte kategorische Imperativ, tatsächlich Credo meines Lebens. Himmel, ich scheitere oft, j’acuse myself quasi. Aber ich versuche es doch immer. Ganz praktisch bedeutet das für mich zum Beispiel, dass ich nur von anderen wünsche, was ich selber auch bereit zu tun bin und, dass ich nur tu, was ich grundsätzlich immer tu, aus vollster Überzeugung. Es bedeutet, dass ich auf mein Handeln immer die gleichen Regeln anwende, dass ich nicht mal so und mal so handel, je nach Situation, sondern, dass ich Ideale verfolge und dies konsequent und ausnahmslos. Ich versuche bei meinem Handeln Regeln, Überzeugungen, Moralvorstellungen zu verwirklichen, die für mich unverhandelbar sind. Man kann das vergleichen mit den Menschenrechten. Menschenrechte sind unverhandelbar, egal welcher Mensch, egal wann, egal wo. Das ist für mich die Praxis des kategorischen Imperativs: Das Motiv meines Handelns ist situationsabhängig, denn es fußt auf meine Vorstellung von einem guten Leben.

Kategorisches „ja, nein, jein“

Also los, ihr Pädagogen der HU, schauen wir mal, was Ihr da so macht.

1. Mit der neuen Studienordnung wird das Studium nicht nur wie angekündigt länger, es verändert sich nicht nur quantitativ, sondern unangekündigt auch qualitativ. Das zuvor zugesagte Fach wird gestrichen. Das ist als würde man nach einer Halbzeit die Regeln ändern. Als würde man, nachdem man ein Produkt verkauft hat, das Produkt verändern. Das war nicht der Deal. Ich finde das, na, sagen wir mal: ich finde das nicht fair.
2. Vorherige Zusagen, dass sich lediglich die Länge des Studiums ändert, man an der HU bleiben kann und maximal das Zweitfach an der FU belegt, werden geleugnet. Ok, kann passieren. Das Ist sehr bedauerlich aber, wenn zwei sich unterhalten hören sie zwei teils sehr unterschiedliche Gespräche.
3. Bachelor ist ein fertiger Abschluss. Das wird behauptet. Und somit könne man sein Studium ja wie zugesagt beenden. Der Master, um den es ja ginge, sei vom Bachelor losgelöst. Das ist scheinheilig. Das hat mit der Lebenswirklichkeit nichts zu tun. Das ist ein Rückzug auf faule Regeln, die man zudem selbst geschaffen hat. Ausgerechnet im Lehramt zu behaupten, man habe mit dem Bachelor ja schon einen gültigen Abschluss? Das Wort „Fassungslosigkeit“ kommt mir in den Sinn.
4. Es ist möglich an der HU weiter zu studieren, heißt es dann. Von Zwang könne also keine Rede sein. Ach so, ein Kleingedrucktes gibt es da noch: nur wenn man etwas anderes studiert. Du darfst bleiben, aber nur zu unseren Bedingungen und die haben wir, hoppla, geändert nachdem wir zwei eine Verabredung getroffen haben. Zudem ist das dann noch verbunden mit dem Zwang 10SP extra zu machen. Also eine doppelte Benachteiligung.
5. Aber tataa, die Rettung naht. Es wird erlaubt die Uni zu wechseln. Geh doch nach drüben, wenns Dir hier nicht gefällt. Wie großzügig. Nach Bologna und der europaweiten Harmonisierung der Studiengänge, erlaubt mir die HU die Uni zu wechseln und möchte dies, als Paradestück ihres Einsatzes für ihre Studierenden verstanden wissen. Na chuzpe, haben sie ja.
Zusammen_ fassend würde ich also sagen: Im Ernst jetzt? Das findet Ihr ok, Euch so zu verhalten? Das ist korrekt und die Welt wäre ein besserer Ort, wenn sich alle so verhalten würden wie ihr? Kant und Humboldt würden sich im Grab drehen, bis ihnen die Maden aus den Schädeln fallen.

Was Du nicht willst, was man Dir tut

Aber ich versuche mal genau das zu tun. Was wäre wenn. Was wäre, wenn das alle so machen würden? Was wäre jetzt also, wenn ich mich als Leiter einer Grundschule genauso verhalte? Dann passiert dies:
1. Ich sage den SuS der zweiten Klasse und deren Eltern, dass die Grundschule zwei Jahre länger dauert (und ein späteres Abitur entsprechend auch). Ich sage, dass zudem das Fach Sachunterricht an dieser Schule nicht mehr unterrichtet wird.
2. Vorherige Zusagen an die Eltern, dass sich lediglich die Länge der Grundschulzeit ändert, werden geleugnet. Dass die Familien sich darauf verlassen hatten und ihre Lebensplanung entsprechend gemacht haben, tangiert mich nicht.
3. Und ich sage, dass es den SuS frei steht die Schule sofort und für immer zu verlassen, da sie ja das Zeugnis für sie zweite Klasse haben und dies ja ein abgeschlossener Abschluss sei.
4. Ich sage, dass sie an meiner Schule bleiben können, wenn sie statt Sachunterricht Chinesisch belegen, hierfür aber auf die kommenden Sommerferien verzichten müssen, um den verpassten Stoff in Chinesisch nachzuholen.
5. Ich erlaube den Schülern und Schülerinnen, anstatt weiterhin an meine Berliner Schule zu gehen, nach München zur Schule zu wechseln. Dass das mit der ganz konkreten Lebensplanung einzelner Familien nicht funktioniert? Kollateralschäden.

L’etat c’est moi

Wer das bis jetzt spaßig fand, sollte jetzt aufhören zu lesen, denn jetzt wende ich den kategorischen Imperativ im sechsten Gang an. Stellen wir uns vor, ich bin die Regierung dieses Landes

1. Ich erlasse ein Gesetz nachdem in Deutschland nur journalistsich tätig sein darf, wer einen Master in Journalismus hat. Nachdem sich die Studierenden eingeschrieben haben und ihr ganzes Leben darauf ausgerichtet haben, lege ich gesetzlich fest, dass das Studium zwei Jahre länger dauert. Das Fach „Politischer Journalismus“ wird gestrichen. Dass sich hierfür bereits Menschen eingeschrieben haben und dies auch schon einige Jahre studierten – pah.
2. Im Wahlkampf gemachte Äußerungen, dass sich nur die Dauer des Studiums ändert, leugne ich.
3. Studierenden die diese Änderung nicht akzeptieren teilen ich mit, dass sie ja den Bachelor machen könnten, das sei ein fertiger Abschluss, wenngleich ich ihnen gesetzlich verbiete mit diesem in Deutschland zu arbeiten.
4. Ich teile den Betroffenen angehenden Journalisten mit, dass sie statt politischem Journalismus ja fortan das Berichten über Botanik erlernen können. Ich lege fest, dass sie hierzu eine finanzielle Zwangsabgabe zu leisten haben.
5. Ferner beschließe ich ein Abkommen mit den USA. Wer von den deutschen Studierenden weiterhin politischen Journalismus studieren will, darf in die USA wechseln und dort zu Ende studieren.

Der Fall der betroffenen politischen Journalisten zeigt: Hier herrscht eine Diktatur mit Berufsverboten, willkürlichen Strafen und Ungleichbehandlung. Ich muss an Frau Rapoport denken. Oder an ein Echo aus dem Kalten Krieg: „Wenns dir hier nicht passt, dann geh doch nach drüben.“ „Uns gefällt deine Nase nicht, also müssen du und dein krummnasigen Freunde netzt doppelt so viel arbeiten,“ „Du musst jetzt eine Extrasteuer zahlen.“ „Wir machen die Regeln wie sie uns passen, denn was interessiert mich mein Geschwätz von gestern!“

Juristisch mag das alles völlig koscher sein. Recht haben und Recht bekommen und so. Aber mich interessiert allein die moralische Dimension. Wenn die Verantwortlichen der HU nach dem kategorischen Imperativ handeln, müssen wir annehmen, dass sie nicht nur im Fall der neuen Studienordnung handeln wie sie es tun, sondern auch in jeder anderen Situation, sei diese lapidarer oder noch deutlich gravierender Ich habe keine Ahnung und kann es auch gar nicht wissen.

This is my truth, tell me yours

Ich möchte hier einen Vorschlag machen, zur Einordnung dessen, was hier passiert: Was hier aktuell von ganz konkreten Menschen getan wird, hat ganz konkrete Wirkungen auf andere Menschen. Und das Handeln der Verantwortlichen ist bedenklich. Nicht nur nach meinen eigenen Standard, sondern in meinen Augen auch nach ihren eigenen.

Ließe sich das so sagen?

Ich verurteile das nicht. Die Handeln können nur über sich selbst urteilen und richten. Es steht mir nicht zu, über einen anderen Menschen als mich selbst zu richten. Ich habe nur meine eigene Wahrheit und bemühe mich, auch wenn es sichtlich schwer fällt, gelassen und wohlwollend zu bleiben. Ich zeuge lediglich meine Position auf und versuche einen Diskussionsbeitrag und Gedankenanstoß anzubieten. Und die Fragen aufzuwerfen: Ist das gerecht? Ist fas fair? Ist das anständig? Wollen wir, dass das die Handlungsmuster sind nach denen wir unsere Welt bauen? Ist es das, was wir unseren Schülerinnen und Schülern beibringen sollen und wollen?


Schlagwörter: , , , , , , ,




Previous Post

GLÜCK - 5 TIPPS UND TRICKS

Next Post

6 SPEKULATIONEN ZU GRIECHENLAND