HAST DU DAS HETERO_GEN?

Edukation / Slider / 11/17/2014

100% GENDER, 0% TOLERANZ?

Die Sache mit der Heterogenität ist in der Praxis viel schwieriger als in der Theorie. Grundsätzlich stellt sich die Frage: Möchte ich Heterogenität, möchte ich sie leben, vorleben und sehe ich sie als wichtig und richtig an – oder eben nicht.

Heterogenität, das ist Unterschiedlichkeit, Verschiedenheit und diese lässt sich bis ins kleinste Detail durchdeklinieren. Heterogenität ist hierbei auch immer die Vielfalt von Meinungen. Ist mir Heterogenität wichtig, so bedeutet dies auch, dass es mir wichtig ist verschiedene Meinungen zuzulassen. Schwierig wird dies aber, wenn andere Meinungen meinen eigenen zuwider laufen. Wenn die eigene Freiheit aber auch immer die Freiheit des anders Denkenden ist, muss ich mich fragen in wie weit es mir gelingt, andere Meinungen und Überzeugungen zu akzeptieren.
bethechange
Oftmals tappe ich hierbei in eine emotionale Falle, nämlich dann, wenn eine andere Meinung mir so zuwider ist, so an den Grundfesten meiner Überzeugungen rüttelt, dass ich die andere Meinung bewerte, beurteile, ja verurteile und, schlimmer noch, jenen verurteile, der eine andere Meinung hat. Dabei ist eben das doch der Lakmuszest der Heterogenität, die Gretchenfrage der Freiheit: Wie hältst Du es mit denen die anders sind?

An anderer Stelle habe ich dies mal an Millieustudien zu zeigen versucht. Milieustudien sind immer Verallgemeinerungen und somit per se das Gegenteil von Heterogenität. Wenn ich basierend auf Milieustudien andere Menschen betrachte muss ich wissen, dass ich hier von Verallgemeinerungen ausgehe und diese dem Einzelnen und der Heterogenität der Einzelnen nicht gerecht werden können. Ich halte Milieustudien für die Praxis als Lehrer also für wenig hilfreich.

Gender Blender

Ein weitaus emotionaleres Thema ist das der Genderforschung. Hier zeigt sich ein ums andere mal wie schwierig ist es sein kann, die Meinung Andersdenkender zu tollerieren.

So wie ich die Genderforschung verstehe geht es unter anderem darum, Menschen nicht aufgrund ihres Geschlechtes zu beurteilen, viele Geschlechter zuzulassen, Geschlechterstereotypen zu unterlassen und jeden Menschen hinsichtlich seines Geschlechtes individuell zu betrachten aber nicht zu bewerten oder ihm Dinge zu unterstellen, seien diese positiv oder negativ. Heterogenität ist hier also Geschlechterfreiheit, mein Geschlecht ist das was ich sage und denke und fühle was es ist. Das Geschlecht eines anderen ist das was dieser sagt und denkt und fühlt was es für ihn ist.

Diese Wahlfreiheit stößt dann immer wieder an ihre Grenzen, wenn sich andere entscheiden Geschlecht zu sehen, wie es die aktuelle Genderforschung nicht sieht, nämlich traditionell, zweigeteilt, hier die Männer mit typisch männlichen Attributen, dort die Frauen mit typisch weiblichen Attributen – beziehungsweise Stereotypen oder gesellschaftlich geprägten Eigenheiten.

Und eben hier kann und muss ich selber mich überprüfen: Kann ich meine eigene Überzeugung von Heterogenität wirklich leben? Bin ich tatsächlich in der Lage auch zu akzeptieren, dass es Menschen gibt, die anderer Meinung sind und ein neues, offeneres Geschlechterbild ablehnen?

Meine persönliche Meinung ist: Ich will dies akzeptieren, denn verurteile ich hier die Meinung anderer, so nehme ich mir die eigene Legitimation Heterogenität als Ideal zu sehen. Freiheit ist auch immer die Freiheit des Andersdenkenden.

Allein das Plädieren für mehr Toleranz im Umgang mit Heterogenität, allein der Vorschlag, Anders Sein auch dann zu akzeptieren, wenn es jenseits meiner persönlichen Wohlfühlzone ist ist jedoch etwas, was mir persönlich im Rahmen meines Studiums ein ums andere schwer gemacht wird. Denn die Genderdebatte ist wie es scheint eine sehr emotionale.
Allein die Bitte Anders Denken zu akzeptieren führt zu emotionalen Reflexen. Diese führen gelegentlich sogar so weit, dass mir eine Meinung unterstellt wird die weder meine eigene ist, noch dass jene die dies tun überhaupt zu wissen scheinen, was meine Meinung ist. Zu emotional ist die Reaktion, zu wenig rational und selten fußend auf dem tatsächlich Gesagten und vielmehr reagierend auf das, was man zu hören glaubt. Die Grenzen der Heterogenität sind hier bereits überschritten. Es gibt lediglich einen gelernten Automatismus von Vorwürfen.

Auch wird die Diskussion dann oftmals so emotional, persönlich, bewertend und verurteilend geführt, dass es mir schwer fällt zu sehen, wie diese Art des Diskurses der Sache hilfreich sein kann.

Be the change

Ich persönlich denke nicht, dass sich durch Konfrontation, noch dazu persönliche Konfrontation geschweige denn persönliche Angriffe Heterogenität leben und vorleben lässt. Auch glaube ich nicht, dass man so für die eigene Position, nämlich ein friedliches Miteinander der Unterschiedlichkeiten erfolgsversprechend wirbt. Ich glaube nicht daran, dass man mit einem solchen Krieg seine Ziele erreichen kann. Ich glaube nicht daran, dass man mit Krieg Frieden schaffen kann. Ich glaube nicht, dass man erfolgreich für die eigene Position werben kann, wenn man jene die eine andere Meinung haben aufs Übelste attackiert und öffentlich bloß stellt.

(All dies hat besondere Beseutung für angehende Lehrer und jene die Lehrer ausbilden, denn es gibt ja keinen Grund in der Trainingsphase an der Universität anders zu handeln als im Klassenzimmer. Wie will ich also handeln, wenn ein Schüler eine andere Meinung vertritt und mir diese sehr übel aufstößt? Will ich ihn beleidigen, öffentlich brandmarken und ihm emotionales Leid zu fügen und dabei hoffen, dass er seine Meinung ändert? Dann will ich ihn also dressieren, abrichten. Oder will ich gelassen reagieren und ihm vorleben wie meine Wahrheit aussieht, hoffend, dass ich ihm die Möglichkeit gebe entdeckend zu lernen? Dann will ich ihn also bilden, ihm ermöglichen selbst zu wachsen.)

Aber ich erlebe es ein ums andere mal, das Verurteilen, das Artackieren, das Denunzieren. Und sicher bin ich auch selber nicht davor gefeit stets so zu handeln, wie es meinen eigenen Überzeugungen entspricht.

Worum ich mich aber stets bemühe ist zu vermeiden, andere zu beurteilen. Auch will ich nicht andere verurteilen. Es steht mir nicht zu. Jeder kann nur über sich selber richten. Und auch wäre es nicht weit her mit meinem Wunsch nach Heterogenität, wenn ich nicht zumindest versuchen würde andere selbst dann zu akzeptieren, wenn es weh tut.

Hat dies Grenzen? Natürlich. Freiheit darf keine banalisierende Gleichgültigkeit sein. Wo man aber die Grenzen zieht zwischen „seh ich anders, kann ich aber tolerieren“ und „Du hast Unrecht, ich mach dich fertig“ muss natürlich jeder für sich selber überlegen und ein ums andere mal ausloten.

Für mich persönlich ist die Grenze dann überschritten, wenn ich persönlich angegiffen, beleidigt, verurteilt werde. Auch dann versuche ich dies zu tolerieren. Aber dann fällt es sehr schwer. Ich bemühe mich sehr andere so zu akzeptieren wie sie sind. Und ich hoffe stets dass andere mich so anzeptieren wie ich bin. Ich möchte nicht bewertet werden weil ich bin wie ich bin.

Wie jene die angreifen, beleidigen und verurteilen ihr eigenes Handeln sehen ist nicht an mir zu erraten oder gar zu bewerten.

As Gandhi said, “Be the change you wish to see in the world.”


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