THE CAKE IS A LIE – TEIL 1

Edukation / Slider / 07/28/2014

WARUM WIR GLÜCK GEGEN KONSUM TAUSCHEN

1.

Kleine Kinder lügen nicht. Das ist eine Kulturtechnik, für die sie erst ein gewisses Alter erreichen müssen. Das beginnt mit etwa vier Jahren. Und kleine Kinder reflektieren auch nicht ihr Handeln. Sie denken nicht darüber nach, was sie tun beziehungsweise warum sie es tun, Sie tun es einfach. Auch hierfür müssen sie erst ein paar intellektuelle Sprossen erklommen haben. Das weiß jeder, der eigene Kinder hat oder Kinder kennt und ich weiß es zudem, weil ich Grundschulpädagogik studiere – und kleine Kinder habe und kleine Kinder kenne. Aber trotzdem gibt es natürlich Gründe für Kinder die Dinge zu tun die sie tun. Vor allem gibt es Gründe dafür, dass sie jene Dinge tun, die sie freiwillig, aus eigenem Antrieb tun. Kinder haben eine intrinsische Motivation, also einen inneren natürlichen Antrieb. Und der lässt sich auf zwei Motive reduzieren: Spaß und zwischenmenschliche Kontakte. Wenn man Kinder danach fragt, was sie gerne machen (und das haben meine Komilitonen und ich im Seminar „Kindheit im Wandel“ getan), dann nennen sie spielen, basteln, Sport, mit Freunden treffen, mit denen spielen, mit den Eltern was machen, zum Beispiel spielen, malen, Bilder gucken und so weiter. All das sind letztlich nur Varianten von Spielen und Kontakt mit anderen haben. Spaß und andere Menschen, das ist es also, was Kinder antreibt und wenn wir bedenken, dass wir alle ja unsere Leben als Kinder beginnen, dann sind Spaß und der Kontakt zu anderen Menschen zwei unserer Urmotivationen. Sie helfen uns, uns zu entwickeln. Und es fällt uns, genauer unserem Gehirn besonders leicht zu lernen, sich zu entwickeln, wenn wir Freude haben an den Dingen die wir tun.
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Nun wird es meine Aufgabe als Grundschullehrer sein die Kinder darin zu unterstützen, sich zu entwickeln. Es gibt hierfür eine ganze Reihe von Schulfächern und eine ganze Reihe von übergreifenden Kompetenzen, die ich ihnen vermitteln soll und mein Studium befasst sich intensiv damit, was ich ihnen beibringen soll und wie.
Je länger ich jedoch studiere (und ich bin gerade mal im fünften Semester), desto mehr wundere ich mich. Denn ich lerne den Kindern Mathematik beizubringen, lesen, schreiben, Naturgesetze, unsere soziale und politische Ordnung und ich lerne wie ich ihnen beibringe lernen zu können, Fragen zu stellen, zu forschen. Ich lerne aber nicht, wie ich ihnen ermögliche möglichst viel Spaß zu haben und ich lerne nicht, wie ich ihnen vermittel mit anderen gemeinsam Spaß zu haben. Seltsam, denn sind das nicht eben jene Dinge, die ihnen, den Kindern besonders wichtig sind?
Wenn die Kinder aus der Schule kommen, wenn sie entlassen werden in diese Welt und wenn wir Lehrer davon überzeugt sind, sie im Rahmen unserer Möglichkeiten am Besten auf das Leben vorbereitet zu haben, dann haben wir ihnen letztlich zweierlei beigebracht: Die Fähigkeiten, einen Job zu finden und zu bewältigen und zudem sich einzufügen in unser gesellschaftliches System. Und genau das werden unsere Schüler dann tun: Sie werden einen Job finden und sich ins System finden. Und das machen sie dann für den Rest ihres Lebens. Und dann? Dann kommt der Hammer. Und er trifft sie zu einem Zeitpunkt, da es zu spät ist um etwas zu ändern.

2.

Bronnie Ware ist eine australische Krankenschwester. Sie hat viele Jahre lang Patienten in den letzten Wochen ihres Lebens begleitet. Und sie hat aufgeschrieben, was diese Menschen, sterbend, am Ende ihres Lebens angelangt, bereuten. Sie hat notiert, was diese Menschen, wenn sie noch einmal die Möglichkeit hätten, anders tun würden in ihrem Leben. Und so unterschiedlich diese Menschen auch gewesen sein mochten, sie hatten letztlich die selben fünf Dinge, die sie bereuten in ihrem Leben:
1. Sie wünschten, sie hätten ihr Leben nicht so sehr nach den Erwartungen anderer ausgerichtet, sondern an ihren eigenen Wünschen und Belangen.
2. Sie wünschten, sie hätten nicht so viel gearbeitet.
3. Sie wünschten, sie hätten den Mut gehabt offen mit ihren Gefühlen umzugehen.
4. Sie wünschten, sie hätten mehr Zeit mit ihren Freunden verbracht.
5. Sie wünschten, sie hätten sich selbst erlaubt glücklicher zu sein.

Ist es nicht traurig, dass offensichtlich niemand sie darauf vorbereitet hatte, das Leben zu führen, dass sie sich auf dem Sterbebett gewünscht hätten? Ist es nicht traurig, dass ihre Wünsche als alte sterbende Menschen eben jene Wünsche und Motivationen sind, die sie schon als Kind hatten? Und ist es nicht traurig, dass sie nicht nur aber auch in der Schule etwas ganz anderes gesagt bekommen haben? Ist es nicht traurig, dass die Welt, dass die Gesellschaft ihnen eine Lüge aufgetischt hat? Dass sie ein eben lang dachten, es richtig zu machen um doch nur zu bemerken, dass sie einem falschen Ziel nachgeeifert hatten, nämlich arbeiten, Erwartungen erfüllen und sich selbst verleugnen?

3.

Ich halte kein Ziel auf Erden als größer, schöner und erfüllender als glücklich zu werden und zu sein. Was nützt mir meine Ausbildung, mein Job, mein Geld, was nützen mir Frau, Familie und Freunde, was nützen mir Playstation und Bundesliga, was nützt mir gar meine Gesundheit, wenn ich nicht glücklich bin? Und: Was nützt mir meine Gesundheit, wenn mich mein unglücklich Sein krank macht? Was aber passiert da mit uns im Laufe unseres Lebens, dass wir vergessen glücklich zu werden, dass wir aufhören unser Leben danach auszurichten, was uns glücklich macht? Die Frage ist nur schwer zu beantworten. Leichter ist es zu beantworten, was uns tatsächlich glücklich macht, unabhängig davon, ob wir es tun oder nicht.

4.

Dan Gilbert ist Professor für Psychologie in Harvard. In seinem TED Talk „The surprising science of happiness“ berichtet er von dem Vergleich zweier Personengruppen. Die eine Gruppe besteht aus Lottogewinnern, wirklichen echten Lottogewinnern, Menschen also, die sehr sehr viel Geld gewonnen haben. Und die andere Gruppe besteht aus Menschen, die querschnittsgelähmt wurden, die es nicht immer schon waren, sondern aufgrund eines Unfalls das Gefühl in ihren Beinen verloren. Fragen wir uns nun, in welcher Gruppe wir lieber wären, in welcher Gruppe wir wohl glücklicher wären, so würden wir ganz sicher lieber zu den Lottogewinnern gehören. Die Wahrheit ist aber mindestens erstaunlich: Ein Jahr nach dem Lottogewinn und ein Jahr nach dem Verlust der Kontrolle über die eigenen Beine sind beide Gruppen gleich glücklich. Reich sein macht nicht glücklicher als querschnittsgelähmt zu sein. Paralysiert sein macht nicht unglücklicher als im Lotto zu gewinnen. Es macht im Grunde keinen Unterschied.
Der Grund hierfür liegt in dem Unterschied zwischen „natürlichem glücklich-Sein“ und „synthetischem glücklich-Sein“. Natürlich glücklich sind wir, wenn wir bekommen was wir wollen. Synthetisch glücklich sind wir wenn wir mit dem zufrieden sind, was wir bekommen, ob wir es nun wollten oder nicht,
Nun wird niemand anstreben querschnittsgelähmt zu werden. Aber wir alle streben nach Geld und, zumindest die meisten von uns, nach möglichst viel davon. Warum aber sagt uns niemand, zum Beispiel in der Schule, dass viel viel Geld gar nicht glücklich macht? Warum denken wir, dass es erstrebenswert ist natürlich glücklich zu sein, dass synthetisches Glück aber nicht so viel wert sei? Dan Gilbert hat eine einfache Erklärung hierfür: Mit synthetischem Glück lässt sich einfach kein Geld verdienen. Wenn alle glücklich sind mit dem was sie haben, werden sie kaum immerzu neue Produkte kaufen wollen.

5.

Daniel Kahneman ist Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften und war unter anderem Professor für Psychologie in Berkeley. Er beschäftigte sich mit einer vom Gallup Institut geführten Umfrage zum Glücksempfinden in Verbindung mit Einkommen, also Geld. Das Ergebnis: Je ärmer man ist, desto unglücklicher ist man. Das gilt aber nur bis zu einem Haushaltsbruttojahreseinkommen von etwa 75.000 Dollar. Ab diesem Wert hat Geld keinen Einfluss mehr auf das persönliche Glücksempfinden. Heißt: Wenn meine Frau und ich 75.000 Dollar im Jahr verdienen sind wir glücklich und wenn wir mehr verdienen, wird uns das nicht glücklicher machen.
Nun sind das Dollar und die Amerikaner zahlen auch eher weniger Steuern als wir Deutsche und dennoch: Wenn ich diesen Betrag umrechne komme ich auf ein Einkommen, das mir nicht das Gefühl geben wird reich zu sein, denn das sind etwa 2.000 Euro netto für mich und 2.000 Euro netto für meine Partnerin im Monat.
Wenn ich dies nun als finanzielle Basis für mein persönliches Glück nehme, werde ich auch akzeptieren müssen, dass ich mir den ein oder anderen Luxus nicht mehr werde leisten können. Das Schöne daran ist aber: Das muss ich auch gar nicht, denn es wird mich nicht glücklicher machen. All die Dinge, von denen ich glaube sie haben zu müssen befriedigen nur ein kurzfristiges Gefühl. Wirklich glücklich werden sie mich nicht machen. Warum habe ich aber den Eindruck, das die gesamte Welt um mich herum mir weismachen will, dass ich mehr Geld brauche um mehr Dinge kaufen zu müssen? Und hier sind wir wieder bei Dan Gilbert: Weil ich sonst nicht konsumiere.
Ein interessanter Aspekt ist hier, dass sich Kahnemann in seinem Bericht auf die amerikanischen Ergebnisse stützt. Gallup hat die Untersuchung international durchgeführt. Für die Amerikaner lässt sich aber sagen, dass übermäßiger Konsum sie nicht glücklich macht – und das in einem Land, das wie kein anderes westliches Land auf Konsum geeicht ist. Die Amerikaner predigen also Konsum, müssen aber eingestehen, dass er sie nicht glücklich macht.

6.

Prof. Dr. Gerald Hüther ist Neurobiologe. In seinem auf Youtube zu findendem Vortrag zum Thema „Glücksgefühle“ nennt er zwei Grundtriebe des Menschen, zwei Urwünsche, die sich bereits im Mutterleib entwickeln: Verbundenheit, also Dazugehören zu einem Menschen, einer Gruppe, der Gesellschaft. Und Freude haben am entdecken, am Entwickeln, am Lernen, am Tun. Wenn der Mensch in seinem Leben beides kann, dieses verbunden sein und gleichzeitig fri sein, dann geht es ihm gut. Und siehe da, dies sind doch eben jene beiden Motivationen, die wir noch bei kleinen Kindern beobachten können: Spaß haben an den Dingen die sie tun und Kontakt zu Menschen, zu ihnen wichtigen Menschen.
Aber der Mensch ist ja ein lernbegabtes Wesen. Und so geht er in die Welt und versucht glücklich zu werden und er versucht umzusetzen was er im Bauch seiner Mutter gelernt hat, nämlich zu wachsen, zu lernen, was das Gehirn nunmal nur kann, wenn es Freude hat an dem was es tut. Und er versucht fest und sicher gebunden zu sein. Und das gelingt nicht. Zumindest nicht immer. Oder vielleicht sogar selten. Und das ist eine schlimme Sache, denn ohne Glücksgefühle kann der Mensch nicht leben und wenn et sie nicht bekommt indem er seine Urwünsche erfüllen kann, dann sucht er sich Ersatzbefriedigungen, dann sucht er sich etwas anderes, das nicht so gut ist, das vielleicht sogar überflüssig oder im schlimmsten Fall schlecht ist, Hauptsache es vermittelt ihm für eine kurze Zeit ein Glücksgefühl. Und an diesem Punkt nähert sich Hüther der Antwort auf die Frage, warum wir nicht glücklich werden. Es gibt nämlich Menschen, die ein Interesse daran haben, dass wir Ersatzbefriedigungen haben und diese brauchen. Es sind genau jene Menschen, die Werbung machen für jene Dinge, die sie uns verkaufen wollen

7.

Wir wissen, was uns glücklich macht. Wir wissen es als Babys die auf die Welt kommen, wir wissen es noch als kleine Kinder und die moderne Wissenschaft beweist uns, dass wir recht haben: Wir wollen Freude empfinden und dadurch lernen und wir wollen dazugehören. Und dann? Was passiert dann? Dann verlernen wir das. Und das ist kein automatischer oder zufälliger Prozess. Wir verlernen das, weil wir schlechte Erfahrungen machen und weil wir umerzogen werden, teils unbewusst, teils bewusst.
Wir müssen Dinge tun, die uns keine Freude machen. Und wir werden nicht so akzeptiert, wie wir sind. Beides passiert uns überall. In der Familie, im Freundeskreis, in der Schule. Und gleichzeitig bekommen wir Druck gemacht und falsche Ideale vorgehalten. In der Werbung, im Kino, ja überall bekommen wir gezeigt, wie wir zu sein hätten. Und in der Familie und in der Schule bekommen wir beigebracht, dass es in erster Linie darum geht Fähigkeiten zu erlernen, um später damit Geld zu verdienen. Und das macht für uns Sinn, denn mittlerweile haben wir gelernt, dass unser Streben nach Glück, the pursuit of happiness, so nicht funktioniert wie wir es uns wünschen und wenn wir also glücklich sein wollen, dann müssen wir uns Ersatzbefriedigungen leisten können und wenn wir dazu gehören wollen, dann müssen wir uns einfinden in dieses System, das uns eigentlich und leider unglücklich und krank macht.

8.

Hier stellt sich mir eine simple Frage: Warum? Warum um alles in der Welt passiert das? Warum können wir nicht einfach glücklich werden? Warum lernen wir, dass das was uns glücklich macht nicht erreichbar ist, warum lernen wir nicht wie wir es erreichen? Warum lernen wir, dass wir andere Dinge anstreben müssen, obwohl sie uns nicht glücklich machen und obwohl wir all das bereuen, wenn wir sterben? Wer tut uns das an? Oder anders gefragt: Wer profitiert von unserem Unglück?
Die einfache Antwort ist: Jene die davon profitieren, dass wir Arbeit, Zeit und Geld investieren in all die Ersatzbefriedigungen, die uns einen kleinen Glückskick geben und von denen wir abhängig werden. Und es profitieren jene, die von dem System profitieren, das all dies möglich macht, ja forciert.
Ich möchte keine Verschwörungstheorien aufstellen, aber kann es sein, dass verantwortlich für diese systematische Unglücklichmacherei die Chefs der großen Firmen sind und die politische Elite, die im Zweifelsfall nur die Wünsche jener Wirtschaftsbosse ermöglicht?
Das ist ein anderes Kapitel. Fakt aber ist, dass es uns schwer gemacht wird glücklich zu werden. Aber dass es gleichzeitig auch in unserer Hand liegt, das zu ändern.

 


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