ICH BIN WELTMEISTER

Socio.Politico / 07/14/2014

UND STOLZ DRAUF

Weltmeister

Jetzt kommen sie wieder alle, die vermeindlich politisch Korrekten, die kleingeistig Verbohrten, die unentspannt Nüchternen und wollen uns sagen, dass es falsch sei jetzt zu behaupten, man sei Weltmeister und dass es verwerflich sei, auch noch stolz darauf zu sein. Sie sagen, man könne nicht Weltmeister sein, weil man ja nicht gespielt habe, in Brasilien. Und man könne auch nicht stolz sein, weil man ja nichts beigetragen habe zum Weltmeistertitel. Und überhaupt sei Stolz eine schlimme nationalistische Sache.

Ich sag mal so: Das ist Eure Meinung und es ist vollkommen ok, so zu denken. Wenn Ihr Euch aber moralisch überlegen gebt und stilisiert als die Wahrer der einzigen Wahrheit und wenn ihr auf uns Weltmeister runter schaut, dann sage ich Euch: Bullshit! This is your truth. Here is mine.

Haben wir Fans der Nationalmannschaft wirklich nichts beigetragen zum Sieg? Doch haben wir, jeder Einzelne von uns. Wir haben mitgefiebert, Trikots getragen und all jene Stimmungen und Bilder generiert, die unser Team in Brasilien mitbekommen hat. Und ja, dabei war ich nur einer von Millionen, aber das bin ich auch wenn ich zur Wahl gehe. Mir zu sagen, dass ich nichts zur Weltmeisterschaft beigetragen habe bedeutet auch, dass ich nicht mehr wählen gehen muss. Bringt ja nix, sagt ihr. Und das ist Quatsch.

Aber ihr sagt, dass es völlig unwichtig ist, was die Fans machen. Wichtig sei allein die Mannschaft auf dem Platz und ihr Team daneben. Aber ist das so? Ich stelle mir vor wie es wäre, wenn es uns Fans nicht gäbe.

Auf der Pressekonferenz vor dem Spiel wird Jogi Löw gefragt, ob er hoffe, dass ein möglicher WM Titel in Deutschland endlich für Fußballbegeisterung sorgen könne. Und Jogi sagt, dass das zwar schön sei, aber man müsse sich voll auf sich selbst konzentrieren. Es sei in Deutschland nunmal nicht so wie in Holland, England oder Brasilien, wo man wisse, dass das ganze Land hinter einem stehe.

Die Spieler laufen ins Stadion ein. Es gibt keinen Applaus, keine Anfeuerungsrufe, keine deutschen Gesänge, Trikots oder Fahnen. Es gibt nur ein Meer argentinischer Fans. Mit argentinischen Gesängen. Die deutsche Mannschaft ist allein in Maracana. Aber das ist sie immer. Die deutschen Stadien sind klein und leer. Und im Ausland gibt es nur Fans der anderen Mannschaften. Für die DFB Spieler ist das traurig und beklemmend.

Zuhause in Deutschland versammeln sich die Leute vor dem Fernseher. Um Tatort zu gucken. Das WM Finale wird nur auf Sky für Abonnenten gezeigt. Public Viewing gibt es nicht. Vor dem Brandenburger Tor fahren die Autos und Touristen fotografieren sich gegenseitig. Sonntag Abend in Berlin halt.

In Kreuzberg gibt es eine Kneipe, in der das Spiel gezeigt wird. Wenn du als Deutscher da rein gehst, freuen sich die Türken und Spanier und Argentinier, die dort sitzen über dich. Aber sie wundern sich auch. Was macht der Deutsche hier beim Fußball? Und überhaupt: Was ist los mit den Deutschen? Was ist ihr Problem? Wieso freuen die sich nicht, dass ihr Land im Finale steht? Komische Leute…

Das Spiel beginnt und es endet und Deutschland gewinnt oder verliert und es ist ganz gleich. Die Nachrichten berichten darüber kurz vor dem Wetter. Live Bilder gibt es nicht, nur ein Foto.

Man hört keine Böllerschüsse in Berlin, die Straßen in Köln bleiben leer und ruhig, die Zeitungen bringen am nächsten Tag keine Bilder glücklicher oder trauriger Menschen. Es bleibt still im Land. Still und nüchtern und völlig vernünftig.

Schade.

Ich glaube nicht, dass Deutschland so Weltmeister geworden wäre. Ich kann natürlich das Gegenteil nicht beweisen. Aber es fällt mir schlicht schwer zu glauben, dass sich Jungs auf dem Bolzplatz messen, um mal groß zu werden und Weltmeister einer Nischensportart zu werden und dann auch noch besser zu sein als all jene Spieler aus jenen Ländern, bei denen das alle Jungs wollen und damit zu Stars werden und reich und unsterblich. Es fällt mir schwer zu glauben, dass die deutsche Mannschaft mithalten könnte mit Argentinien, wenn es uns Fans nicht gäbe.

Fänd ich schade.

Ich liebe Fußball. Ich bin Fan der Nationalmannschaft. Ich war nervös wie Hölle vor den Spielen. Ich habe ein Trikot gekauft. Ich habe nervös geraucht, getrunken, geschrien, bin im Zimmer auf und ab gegangen, bin in die Luft gesprungen, habe meine Freundin geküsst und umarmt und mir war ganz schwindelig vor Glück.

Ich bin Weltmeister! Und ich bin stolz darauf!

Und meine Mannschaft ist stolz auf mich. Ich bin Teil dieses Vereins, dieser Mannschaft, dieses Landes, weil ich es will und weil ich es sein darf und das darf jeder. Das muss man nicht wollen, das kann man auch lassen, aber es macht mich glücklich und ja, es macht mich auch stolz. Wir können was schaffen, wenn wir wollen. Now how great is that!?







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