WIE ICH LERNE EIN FREIHEITSKÄMPFER ZU SEIN

Edukation / 01/10/2013

DIE RADIKALE FREIHEIT IN DEN KÖPFEN DER HU DOZENTEN

Freiheitskämpfer

Ich habe Anglistik und Philosophie an der Universität Bonn studiert, beides plus Germanistik an der Universität Trier, Europäische Literatur und Deutsche Literatur am University College London, ich habe ein Jahr Italienisch gelernt, das große Latinum gemacht und bin vor all dem in Mayen zur Grundschule gegangen und habe dort am Gymnasium in Deutsch, Englisch, Sozialkunde und Biologie mein Abitur gemacht.

An keiner dieser Institutionen, in keinem Fach und bei keinem Lehrer oder Dozenten habe ich erlebt, was mir seit diesem Oktober in regelmäßiger Selbstverständlichkeit in der Grundschulpädagogik an der Humboldt-Universität zu Berlin begegnet.

Home of the free, land of the brave

Die Freiheit des Denkens der Lehrenden und ihre immanente wie geäußerte Aufforderung zu hinterfragen, kritisch zu durchleuchten und eigene Positionen zu beziehen habe ich in dieser Omnipräsenz noch nie und nirgends erlebt. Es ist eine Freiheit der Gedanken die so faszinierend ist, dass sie fast unwirklich scheint und beinahe schon skeptisch machen könnte – dies aber zum Glück nicht tut.

In meiner bisherigen Schul- und Studiumslaufbahn habe ich Wissen und Wissenschaft immer erlebt als das Vermitteln von Wahrheiten. Entscheidend war es, Wissen anzuhäufen und dieses möglichst ohne Kopieverluste reproduzieren zu können. Auf eine Frage gab es eine Antwort. Platz für neue Gedanken war dort, wo es noch keine Antworten oder noch keine Fragen gab. Klausuren waren eine berechenbare Transaktion von Wissen. Wissen selbst galt als gesichert.

Anders nicht an der HU, aber im Bereich Grundschulpädagogik.

i.g.

Ein paar Beispiele sollen dies verdeutlichen.

In der Fachdidaktik des Zweitfaches Englisch eröffnet der Dozent nicht nur die Möglichkeit, Fachliteratur zu kritisieren und die Ergebnisse der Wissenschaftler anzuzweifeln, sondern viel radikaler noch die Texte selbst neu zu interpretieren, also dem geschriebenen Worten eine neue, andere Bedeutung zukommen zu lassen. Quasi so als würde man sagen: „Der Text sagt zwar, dass a plus b c ist, aber gemeint ist, dass a plus b d ist. Steht ja so im Text.“ Das ist nicht mehr und nicht weniger als eine radikale freie Denke.

In allgemeiner Grundschulpädagogik haben wir einen Text zu lesen in der Hoffnung der Dozentin, ihn zu durchschauen und als schlecht, ja falsch in seinen Ergebnissen zu entlarven. Dies mit dem Ziel uns in Kritikfähigkeit allem, auch der Dozentin selbst gegenüber zu schulen.

In Mathematik bekommen wir abstruse Lösungswege zum Erreichen eines Rechenergebnisses präsentiert. Es dauert ungemein lange diese zu verstehen und soll uns aufzeigen, dass selbst ein korrektes Ergebnis viele uns als Gelehrte unbekannte Wege dorthin haben kann.

In all diesen Beispielen und sie ließen sich leicht ergänzen wie in allen Veranstaltungen wird deutlich, dass die Studierenden aufgefordert sind kritisch zu bleiben und sich die Dozenten selbst in die doch im Grunde unbequeme Situation bringen immerzu hinterfragt und kritisiert zu werden. Was eine zusätzliche Belastung sie hierdurch doch eingehen.

Und wieviel Mehrarbeit sie sich machen. Wenn sie postulieren, dass es viele Wahrheiten gibt und jeder von uns seine eigene finden muss, so müssen sie dies auch bei jeder abgegebenen Semesterarbeit akzeptieren – und tun dies gerne, trotz des immensen Mehraufwandes.

Viel Lärm um… viel

Und dabei reden wir hier nicht von angehenden Raketenbauern oder Richtern oder Industriemagnaten. Wir reden vom Umgang mit und der Ausbildung von angehenden Grundschullehrern.

Kann man in Worte fassen, wie viel Idealismus in jedem dieser Dozenten stecken muss? Und ist die Aufgabe, auf die sie ihre Studenten vorbereiten klarer zu beschreiben als durch die Philosophie ihrer Seminare?

Die Radikalität in der wir frei denken sollen, die Mehrarbeit die dies von allen Beteiligten erfordert, die Last eine Position beziehen zu müssen, sich angreifbar zu machen und die immense Freude mit der all das passiert, die Leichtigkeit, Selbstverständlichkeit, die Harmonie und der Respekt im Umgang miteinander, die Offenheit und Ruhe mit der all das geschieht, all dies hat einen Grund und ein Ziel und es sind nicht die Dozenten und es sind nicht die Studenten und zukünftigen Grundschullehrer, nein, es sind die Grundschüler, die Jungs und Mädchen die wir unterrichten werden und es ist die Hoffnung aus diesen Menschen gute Menschen zu machen.

Was eine Mammutaufgabe, an derem allerersten Anfang ich erst stehe.


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