IM HINTERLAND SEHR SCHÖN

Socio.Politico / 07/04/2011

GEHT MALLORCA OHNE SCHÄMEN?

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Früher war klar: Mallorca- das ist Ballermann. Heute stehen Megapark und Co in der gleichen Rezeptionsgeschichte der Insel. Um diesem Cliché entgegen zu wirken erfand man ein Gegen-Cliché das genauso absurd scheint wie die Behauptung, Mallorca sei nur gut zum saufen, feiern und, naja, ficken und schlimmer noch: Alle die dorthin fahren täten dies um zu saufen, feiern und, genau, ficken. Das Gegen-Cliché: „Mallorca ist im Hinterland sehr schön.“

Von Anti-Ballermännern ins Leben gerufen wurde diese Behauptung, wenn auch wahr, selbst ein solches Cliché, dass man sie den braven Hinterlandtouristen um die Ohren haute, sie ironisierte und zu spießbürgerlicher Idylle umdeutete. Wer nicht wegen des Ballermannes sondern der Finca auf die Insel fahre sei nicht primitiv, aber bieder und drum grad genau so bemitleidenswert. Das Hinterland also ein Familienidyll für Hinterwäldler und Hinterbänkler?

Na Himmelherrgott, was wäre denn so schlimm daran? Das Wetter ist zwei Wochen am Stück gleich: Sonnenschein bei 30 Grad. Die Anreise ist unproblematisch. Zudem keine Zeitverschiebung. Die medizinische Infrastruktur mit deutsch sprechendem Fachpersonal ist hervorragend und wenn man ein Kleinkind dabei hat Gold wert. Fincas und Hotels gibt es in jeder Güte- und Gehaltsklasse, Strände für jeden Geschmack, schöne Landschaften obendrein und Essen und trinken sind prima und am Dorfplatz gibt es WLAN, sodass man sich dort täglich die abonierte Internetzeitung abholen kann.

Ist das bieder? Vielleicht. Ist das langweilig? Na gottseidank. Ist das berechenbar? Ja, sonst wär ich nicht hier. Manchmal ist Glück eine Sammlung von vorhersehbaren Clichés, gewürzt mit einigen wohl dosierten Überraschungen.

Ich habe vor Bahnhöfen bei Pennern geschlafen und heimlich in verlassenen Londoner Ubahnhöfen. Ich habe Nächte durchgetanzt weil ich kein Geld für ein Hotel hatte, kreuz und quer in Australien gecampt, mich in gruseligen Ghettos verlaufen etc pp. Ich brauche also keinen Nachhilfeunterricht in Sachen spannender Individualtourismus. Was ich aber auch nicht brauche, ist ein schlechtes Gewissen wegen eines ruhigen Familienurlaubs.

Und wenn ich es dennoch manchmal hab, ich weiß ja, dann bin ichs selber schuld. Vielleicht weil ich weiß, dass die Dinge sich ändern, die Prioritäten, die Menschen. Altersweisheit verkleidet sich manchmal als Bequemlichkeit, als Angst vor Veränderung und ist dabei doch selbst eine Veränderung. Und Veränderungen können natürlich auch ein wenig Angst machen. Aber das ist dann ja zumindest spannend.


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