SAY, SAY, SAY (WHAT YOU WANT)

Entertainments / 06/10/2011

DIE LANGE NACHT DES FAZIL SAY, 9.6.2011. KONZERTHAUS, BERLIN

FazilSayMaschine

Die Fazil-Say-Maschine

Die Fazil-SayMaschine ist ein simple und doch ungemein vielseitige Apparatur zur Musikproduktion. Über einen Einfülltrichter eingeführt wird türkische Musik mit klassischen europäischen Instrumenten bearbeitet unter permanentem Schütteln mittels eines Jazz-Arpeggiator-Aggregats.  Das Ergebnis ist Musik Fazil-Sayscher Prägung. Im Konzerthaus Berlin gab es nun 6 verschiedene Konzerte nach obiger Mixtur.

Konzert 1, Konzerthausorchester und Fazil Say (Klavier)

Konzerthaus2

(Spoiler Warnung: Ich verstehe nichts von klassischer Musik, aber ich weiß, was mir gefällt.)

Nur einmal wärend dieses Parts des Abends ist Say selbst am Flügel aktiv. Dann aber verdonnert er beispielsweise die Saitenspieler des Orchesters dazu, ihr Instrument mit hämmernden Fingerkuppen zu spielen. Sayz Komposition „Silk Road“ ist oft klassisch, experimentell und extrovertiert und dabei meist tief berührend, manchmal seltsam, gelegentlich fad und immerzu selbt-inszenierend.
Davor und danach spielt das Orchester Haydn, Lully, Saygun und Süßmayr und dabei durchweg Stücke, die orientalische Themen haben, inhaltlich wie musikalisch. Dies ist weniger spektakulär als bei Says Mitwirken, aber nicht weniger wundervoll, wenn auch auf eine romantisch berechenbare Weise.
Bemerkenswert aber, was im Laufe des Abends deutlich wird: für einen Fazil Say Abend ist dieser auffällig selten zu sehen, wenn auch immer präsent.

Konzert 2, Fazil Say (Klavier), Patricia Kopatchinskaja (Violine), Burhan Öçal (Percussion)

Konzerthaus2

Spätestens jetzt führt Say durch den Abend wie ein Conférencier mit Mikrofon in der Hand, stellt Künstler vor, leitet Inhalte ein. Seine Überleitung zum Vorhergegangenen: „Wir haben mit klassischen Stücken angefangen. Da waren interessante Stücke dabei.“ Ein augenzwinkernder Zynismus, der wohl auch dem Deutsch des Sprechers geschuldet ist.

Say spielt mit Kopatchinskaja, die ihre Geige malträtiert wie Jamie Cullum sein Klavier, sie spielt, streicht, zupft, schlägt, hüpft dabei, krümmt sich, schreit, jauchzt. Sie spielen Ravels Blues, Folkloristisches von Bartók und Says „Cleopatra“, bei dem sie ihr Instrument klingen lässt wie ein Oud, doch das Gezupfe und Gezucke des Stücks erschließt sich dem ungeübten Ohr nicht. Say selbst spielt in diesem Part des Abends sein Klavier mit der lässigen Arroganz mit der ein Cowboy ein wildes Pferd reitet: zweihändig, einhändig, effekthascherisch, virtuos und sicher.

Öçal wird eingeführt als bester Tabla/ Darbukka Spieler der Türkei, der auch als Schauspieler in der Rolle des Mafiosi brilliert. Es ist fast seltsam ein Instrument das man von dreadlockigen Studenten aus dem Mauerpark kennt nun im prunkvollen Saal des Konzerthauses zu sehen. Aber: es klingt unglaublich, zu was Instrument und Künstler in der Lage sind. Im Duett mit Say am Flügel arbeitet sich Öçal hinein in einen fast schon saloon’igen Kneipen-Jazz und man wünscht man hätte in der einen Hand ein Bier und in der anderen einen Gin Tonic. Ohne die arabischen Wurzeln zu verlieren stecken Say und Öçal den orientalischen Tabak in eine Marlboro und es ist ein Geschmack, der unbekannt und berauschend ist. Es folgt ein Solo Öçals im Stile eines Heavy Metal Drum Solos und schließlich von allen dreien gespielt eine fast schon Rock’n Rollige Variation auf Beethovens „Für Elise“ – wow! Und ich erinnere mich an eine Nacht in Mitte vor Jahren, als in einem Geschäft betrunkene Russen sich kaum auf den Beinen halten konnten und doch musizierten und sangen und spielten als ginge es um ihr Leben und sie soffen dabei weiter ihren Wodka und es war ihre Leben.

Konzert 3, Fazil Say feat. Arif Sag

Turkfood

Wenn Kreuzberg ein prachtvoller Boulevard wäre mit Flaneuren, Liebespaaren und Cafés und wenn Neukölln ein Park wäre, großartig blühend mit spielenden Kindern und lachenden Menschen, dann würde er genau so klingen. Say und Sag, der eine Saz, eine Art sehr sehr schlanke Gitarre, spielt klingen romantisch, weit, exotisch, orientalisch, prachtvoll, erhaben. Sie erschaffen verträumte Welten, die den Konzertsaal verschwinden lassen.
Sag wurde angekündigt als türkischer Star, der sein Instrument zu ungeahnter Größe verholfen habe, der aber auch ein politischer Mensch sei. Als Sag sein nicht enden wollendes Solo beginnt bei dem er auch singt und zu dessen Beginn ich noch nicht ahne, wie lange es gehen würde, frage ich also die junge Türkin neben mir, ob sie wohl verstehe, was de Mann da singe. Sie lacht und sagt „Ja“.
„Und was singt er?“ frage ich.
Sie lacht und sagt „Hihi“, überlegt und sagt dann: „Das ist schwierig zu übersetzen.“
„Dann ist es also politisch.“ sage ich nun und sie:
„Er ist Alevit und in der Türkei sind die meisten Sunniten. Das Lied ist darüber. Also politisch. In der Türkei wird das nicht gern gesehen.“
Mehr Erklärung gibt es nicht. Aber macht ihn das also jetzt zum türkischen Bob Dylan? Or eben gerade nicht? Ist er jetzt für oder gegen Ehrenmorde? Kann ich gleich klatschen, wenn ich nicht weiß, was der Mann singt? Viele im Saal verstehen zu diesem Zeitpunkt wohl nich weniger als die Politik des Textes, denn der Saal leert sich. Sag spielt unbeirrt weiter. Das Licht aller Lampen wird schließlich eingeschaltet. Sag sielt unbeirrt weiter. Eine Frau betritt die Bühne, um ihm zum Finale Blumen zu überreichen. Sag spielt unbeirrt weiter und als er dann doch aufhört, ist der Saal kaum noch halb gefüllt und der amusiker lacht und spricht lachend ins Mikro und ich verstehe sein Türkisch noch immer nicht.

 

Konzert 4 & 5, Anatolian Jazz Orchester / Pinhâni

Pinhani

Der rührendste Moment des Abends aber war der, als auf einmal all diese jungen türkischen Mädchen das Konzerthaus stürmen. Wie eine Teenie- Invasion drängen sie in den kleinen Werner-Otto-Saal des Hauses und auf einmal waren überall türkische Jugendliche als die türkische Rock- oder auch Popband spielte (und gar nicht mal schlecht). Versprenkelt im Raum auch das übliche, deutlich deutlich ältere Konzerthaus Publikum und diese wunderten sich leicht lächelnd über eine Musik und ein Publikum, das sie hier nicht gewöhnt schiene aber es freute sie und daußen im Gang, im Fur hörte man die Jazz Big Band, die nebenan im Größen Saal spielte und es hallte laut von allen aseiten und es war ein Leben und ein Gewusel in den Gängen wie bei einem Rockkonzert und es war eine Lebendigkeit da, die so vielleicht selten ist im altehrwürdigen Haus und sehr sehr schön war das. (Konzert 6 war ein türkischer DJ, den ich nicht erlebt habe.)

AnatolianJazzOrchestra


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