STADT LAND SCHUSS

Edukation / 06/07/2011

DIE RETTUNG DER WELT LIEGT AUF DEM LAND

Schule machen

Es gibt eine Welt jenseits von mordenden jugendlichen Ubahnschlägern, fern von gelangweilten uninspirierten Vandalen und unberührt von der herz- und oft verstandlosen Schnelligkeit Berlins. Diese Welt liegt 600 Kilometer west- südwestlich, versteckt zwischen der Eifel im Osten, dem Rhein im Westen und der Mosel im Süden.

Im Westen aber auch gar nichts neues

Von Mayen, einem kleinem Städtchen mit nicht einmal zwanzigtausend Einwohnern am Ostrand der Eifel, gepflanzt zwischen Hügeln, geschmückt mit Burg und historischer Innenstadt und garniert mit einem rauen harschen Dialekt bin ich die Landstraße Richtung Koblenz gefahren. Morgens, kurz nach sieben, der Himmel schon sommerlich blau, die Luft schwül warm, die Felder grün mit roten Mohnsprenkeln. Durch Orte mit Namen wie Hausen und Ochtendung hindurch, Serpentinen hinab und immer geradeaus nach Bassenheim. Das Kaff hat keine dreitausend Einwohner und gleich hinter dem Ortseingang eine Grundschule und in dieser habe ich mich in eine Klasse gesetzt und zugeschaut.

Dirkster im Wunderland

Schon auf dem Weg vom Eingang über den Flur und den Pausenhof und durch das Treppenhaus zum Klassenzimmer tauschte ich meinen „hier stimmt was nicht“ Eindruck ein gegen ein „hier stimmt ja was!“ Ich hatte Lärm erwartet, lange Gesichter und ein Toben, das die Unlust auf die anstehende Schulwoche vetreiben sollte. Aber die Kinder trudelten eher ein, redeten, liefen, schauten sich neugierig nach mir um und gingen in ihre Klassen. Dort setzten sie sich und ohne dass es eines Wortes der Lehrerin bedarft hätte begannen sie, sicher miteinander redend, aber keiner von ihnen laut, mit den ersten Aufgaben. Doch damit nicht genug der Überraschungen. Allein der oberflächliche Befund der Zweitklässler wäre so in Berlin nur schwer zu finden: gerade einmal 16 Kinder fasste die Klasse, die meisten von ihnen blond, keiner wie es schien mit Migrationshintergrund, keiner auf Krawall gebürstet, die Mädchen mit viel Pink, Jungs mit kurze Hosen und FC Bayern Shirt, kein Kind übergewichtig. Die einen hübscher als die anderen und manch einer auch mit recht dummen Gesichtszügen und doch alles eine gewachsene Homogenität, wie man sie im Berliner Prenzlauer Berg versüch künstlich herzustellen. Nicht, dass Homogenität unbedingt und immer erstrebendwert wäre, aber selten ist sie geworden oder zumindest scheint es so, in der fernen Metropole.

Verschieden und gleich zugleich

Und sie hat Vorteile. Die Schüler kannten sich, verstanden sich und waren sie auch nicht alle miteinander befreundet, so war für den Zeitraum des Unterrichtes doch niemand ausgeschlossen, wenn er es nicht selber wollte. Bei den gemeinsamen Geometrieaufgaben wie beim Morgenkreis zeigten sie auf und die Mitschüler selbst erteilten das Wort und Jungs nahmen Mädchen dran und Mädchen Jungs und die Süßen die Kautzigen und die weniger Schlauen die Cleveren. Einige zeigten oft auf und wussten alles, andere zeigten oft auf und wussten wenig bis nichts und zeigten dennoch immer wieder auf, andere blieben teilnahmslos und tauten erst in anderen Situationen auf. Aber es fielen keine bößen Wörter, es gab keine vernichtenden Blicke und keine despektierlichen Bemerkungen. Selbst als Schülerinnen sich rechtfertigten, da sie die Gruppenaufgabe nicht optimal machen konnten, da die Jungs in der Gruppe nicht geholfen hätten, war das eine akzeptierte Kritik.

 

Are You Ready For The Country?

Somewhere over the rainbow

Ich musste denken an die Zeitungsberichte über junge Berliner Straftäter, musste denken an Erzählungen von Lehrern, die gegen pubertierende Windmühlen kämpften, die nur noch eins wollten: raus aus Berlin und nach Westen, musste denken an die Probleme von Grundschulklassen, in denen niemand deutsch spricht und begann zu verstehen, wie sich wohl Alice fühlen musste, als sie ihr Wissen über die ihr bekannte Welt im Wunderland angekommen plötzlich in Frage sellen musste. Die Grundschule in Bassenheim schien ein Film in den blassen Tönen der 70er, ein Film mit Weichzeichner in Slowmotion, in dem von Fern Kinderlachen durch die Sonne hallt. Unwirklich und in seiner beruhigenden Trägheit fast schon einschläfernd.

Big is badder

Warum scheint die Welt in Bassenheim, aber auch in Mayen und den Dörfern und Gemeinden drumherum, so viel lebenswerter, friedlicher, richtiger? Weil es weniger Ausländer gibt? Weniger Fettleibigkeit? Weniger Ubahnen? Weniger Arbeitslosigkeit? Nein, sicher nicht. Es scheint vorallem an der Größe der Gesellschaften, Gruppierungen, Orte zu liegen. Die Menschen in Mayen beklagen sich gerne über die soziale Kontrolle, die dort herrscht. Man kent sich, man sieht sich, man beobachtet sich. Die Großstadt dagegen ist anonym, schafft Freiräume, schafft Kunst und Kultur und neues mutiges Denken. Aber die Millionenstadt schafft auch anonyme Freiräume für Assozialität, Gleichgültigkeit, Verantwortungslosigkeit, Unkontrolliertheit. Es ist ein zweischneidiges Schwert, denn ohne die Größstädte dieser Welt würde ich nicht auf einem iPad einen Internetblog schreiben und dabei auf den Fernsehturm schauen. Die Provinz allein bringt solche technischen und kulturellen Errungenschaften nicht hervor. Aber wo würde ich mein Kind lieber zur Schule gehen sehen? Vermutlich in einer Welt, in der die gegenseitige Kontrolle der Preis dafür ist, dass man sich zusammen reißt, dass man sich benimmt, dass man lernt: man ist nicht alleine, im Guten wie im Schlechten, meine Handlungen können und werden direkt auf mich zurück geführt, ich kann mich nicht verstecken.

A design for life

Ist das die Idee eines Lebensentwurfes? Ein behütetes Aufwachsen in der Provinz gefolgt von einem Experimentieren in der Metropole? Kommt der Ausbruch aus der Kontrolle, aus der Idylle früh genug, wenn man erst einmal gelernt hat, was Anstand ist? Denn: auch in der Großstadt können wir unseren Kindern Anstand beibringen, aber den Rest der Stadt interessiert das wenig. Erlangen Künstler in der Großstadt Ruhm, von dem sie sich dann in jener Provinz erholen in die sie heimkehren?

Die Grundschule in Bassenheim ist kein Einzelfall, ich weiß es aus erster Hand. Und: Das Leben in der Provinz ist ein entbehrungsreiches, es ist ein langsames und repititives – aber es ist auch ein gesundes. Und wenn wir gesunde Menschen wollen, die sich die Naivität bewahrt haben die es braucht, um die Welt zu retten, die sich Anstand und Respekt bewahren konnten und die mit offenen Augen nicht mutig sondern selbstverständlich durch die Welt gehen, dann gibt es sie vielleicht auch in der Großstadt, ganz sicher aber gibt es sie auf dem Land, wo sie soziale Fahigkeiten erlernt haben die es wert sind, weiter gegeben zu werden.


Schlagwörter: , , , , , ,




Previous Post

APPS - DIE BESTEN UND DIE SCHLECHTEN

Next Post

SAY, SAY, SAY (WHAT YOU WANT)





0 Comment


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.